Netto-Österreich

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

In den nächsten drei Jahrzehnten wird die Weltbevölkerung um gut zwei Milliarden Menschen zunehmen.

Deren Ernährung sicherzustellen wird eine der größten Herausforderungen globaler Politik sein.

Zurecht ist deswegen in den vergangenen Monaten heftig darüber debattiert worden, wieweit es zulässig sei, Ackerflächen zur Herstellung von „Agrartreibstoffen“ umzuwidmen. Unverständlich ist es jedoch, dass folgender Sachverhalt nahezu völlig ignoriert wird: In Österreich werden täglich 15 Hektar Natur- und Landschaftsflächen verbaut. Wo gestern Acker war, steht heute ein Einfamilienhaus, ein Einkaufszentrum oder verläuft eine Straße.

15 Hektar Verlust an Naturfläche bedeutet die Verbauung von zwanzig Fußballfeldern täglich; oder auf längere Zeit und auf ganz Österreich hochgerechnet: Wir haben in den letzten zwanzig Jahren die gesamte Ackerfläche des Burgenlandes verbaut.

Das Ausmaß jener Flächen, die tatsächlich genutzt werden können, ist begrenzt, Wissenschaftler sprechen von „Netto-Österreich“, vor allem alpine Regionen müssen abgezogen werden. Netto-Österreich beträgt bloß 37 Prozent und schrumpft in beängstigendem Ausmaß.

Ökonomisch sind die Anreize geradezu pervers: Gelingt es einem Grundstückseigentümer, seinen Acker durch den Federstrich des Bürgermeisters in Bauland umwidmen zu lassen, steigt der „Wert“ um ein Vielfaches.

Unsere moderne Lebensweise ist ein Flächenfraß; und abgrundtief hässlich ist sie außerdem. Man sehe sich all die neugebauten (ja was ist das eigentlich?) Siedlungswucherungen am Rande von Dörfern und Städten an, sie sehen alle gleich aus: Einkaufszentren, Tankstellen, meist ebenerdige Gewerbehallen, riesenhafte Parkplätze, dazwischen Autokolonnen; kaum Fußgänger.

Dieser Flächenfraß ist ein globaler. Netto-Österreich schrumpft genauso wie Netto-China oder Netto-Indien.

Wir spielen russisches Roulette. In den letzten Jahrzehnten wurde auf weltweit gleich bleibender Agrarfläche durch Technologie und Düngemittel die erzeugte Menge an Lebensmitteln deutlich erhöht.

Ökonomische Anreize und politische Ignoranz beschleunigen jetzt die Verknappung dieser wertvollsten Ressource: landwirtschaftlich nutzbarer Boden. Ausrede gibt's hier keine: Keine böse EU zwingt uns hier zu irgendwas. Raumordnung, dieses Stiefkind der Politik, ist bei uns Ländersache. Das ist lokales Politikversagen der Sonderklasse.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)


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2 Kommentare
 
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Von Gast: Crusader am 02.06.2008 um 12:49

WAs sich ändern wird..

Mehr Kriege, mehr Tote, mehr Hunger, mehr Abschottung bis die hinaufschnellende Bevölkerung sich auf ein erträgliches Quantum reduziert hat....

Von Gast: mike am 20.05.2008 um 08:38

Natürlich,

Österreich wird wieder einmal die Welt retten ..
oder Die Maus, die brüllte ..
Sedlacek in der "Wiener Zeitung":
"Damit ( mit Gschaftlhuber ) ist eine Person gemeint, die eigentlich gar nichts kann, sich dafür aber umso mehr durch sinnentleerte Überaktivität hervortut."
Ähnlichkeiten sind natürlich rein zufällig ..


 
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