Frage: Was haben Österreichs größter Streiktag, heftiger Schneefall sowie die Euro 08 gemeinsam? Antwort: die total unterschätzte Intelligenz der Autofahrer.
Die EM ist vorbei, der Ring ist seit Wochen für den Autoverkehr gesperrt, ein heilloses Chaos, kilometerlange Staus wurden vorhergesagt, und was davon trat ein? Nichts. Wie von plötzlicher Weisheit geleitet, stiegen viele Autofahrer auf öffentliche Verkehrsmittel um, holten ihr Fahrrad aus dem Keller oder wichen großräumig aus.
Warum erkennen Stadtrat Schicker und Bürgermeister Häupl eine Grundeigenschaft urbanen Verkehrs nicht: Dieser ist unglaublich flexibel. Erinnern wir uns an jenen Tag vor ein paar Jahren, als sowohl die ÖBB als auch die Wiener Linien streikten. Jetzt, aber jetzt müsse doch, so damals einhellig alle Experten, das Megachaos ausbrechen. Ergebnis: Menschen fanden sich entweder zu Fahrgemeinschaften zusammen, gingen zu Fuß und vor allem: Sie stiegen zu Tausenden aufs Rad um. Bis heute ist dieser Tag unerreichte Spitze der Wiener Fahrradnutzung, der Megastau blieb aus.
Ähnlich diese unglaubliche Flexibilität an schneereichen Wintertagen. Parkplätze sind von Schneehaufen verstellt, in vielen steilen Straßen gibts kein Weiterkommen, weil notorische Sommerreifen-Nutzer hängen bleiben und diese verstopfen. Und die Folge: Die Menschen stellen sich darauf ein, lassen ihr Auto stehen und steigen in die Öffis um. Folge auch hier: Der Autoverkehr geht drastisch zurück.
Deswegen sollen, nein, müssen wir dieses wunderbare Geschenk der Euro annehmen: Eine vom Autoverkehr befreite Ringstraße, die natürlich nicht von Zäunen umgrenzt, für Fußgänger, Radler, Kinder, Touristen und natürlich die Straßenbahn geöffnet ist. Die Universität, das Parlament sind endlich wirklich mit der Stadt verbunden: Ungefährdet können Fußgänger den Ring queren. Das jetzt mögliche Flanieren mitten auf der Ringstraße eröffnet ein völlig neues Wien-Gefühl, das man bisher nur auf der Prater-Hauptallee hatte.
Und der Autoverkehr? Verneigen wir uns vor der Intelligenz und der Flexibilität der Autofahrer. Sie haben sich darauf eingestellt. Nur ein bisschen Fantasie und Mut ist nötig: Dann wird es bald dem Ring so ergehen wie der Kärntner Straße. Niemand wird sich mehr vorstellen können, dass hier einmal Autos zu Tausenden gestaut haben.
chorherr.twoday.net
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)

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