12.02.2012 03:54 | Meine Presse Merkliste0

Verdrießliche Verdrossenheit

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

"Auch von meiner eigenen Politikverdrossenheit bin ich mittlerweile schon verdrossen!"

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Zweimal habe ich diesen herrlichen Satz in den letzen Wochen gehört. Einmal von Jana Herwig, die daraufhin mit Kollegen die Initiative „Grüne Vorwahlen“ gründete und uns Grüne jetzt ganz schön auf Trab hält. Wollen sie nicht weniger, statt bequem und satt zu jammern, „Unterstützer“ werden und selbst die Kandidaten für die nächste Gemeinderatswahl mitwählen, anstatt dieses Prozedere nur „der Partei“ zu überlassen. Jetzt gibt es innerhalb und im Umfeld der Grünen eine heftige Debatte, die sich nicht zuletzt um die Frage dreht, wer denn die Basis einer Partei sei; ihre Aktivisten und Funktionäre oder ihre Wähler? Der Ausgang dieses Begehrens wird unsere Politik ziemlich verändern.

Das zweite Mal hab ich diesen Satz vom Geschäftsführer der Design-und Kommunikationsfirma „instant TM“ gehört. Er hat daraufhin etwas Beachtliches geschaffen. Ein kurzweiliges wie informatives, animiertes Kurzvideo erklärt in weniger als zehn Minuten ohne drögen Zeigefinger, was denn eigentlich bei der EU-Wahl gewählt wird, wie die EU funktioniert und was der ominöse Vertrag von Lissabon regelt. Bald 6000 Menschen haben den Film bereits angesehen, er hat noch weitaus mehr Seher verdient. Darum hier die Internetadresse, unter der man sich den Film anschauen und diesen weitersenden kann: http://tinyurl.com/qx95vp.

Zuletzt noch eine ziemlich wirksame Therapie gegen EU-Verdrossenheit. Wenn das Wetter schön ist, mit dem Fahrrad ins Burgenland, rund um den Neusiedlersee. Bei Mörbisch hinauf in den Wald entlang der Grenze zu Ungarn. Viele werden sich erinnern. Dort wurde vor 20 Jahren Weltgeschichte geschrieben. Die Ungarn öffneten angekündigt für ein paar Minuten den Eisernen Vorhang, um zu testen, wie ernst Gorbatschow seine Reformen nehme. Hunderte Ostdeutsche nutzten dies zur Flucht. Die Bilder der offenen Grenze gingen um die Welt und beschleunigten die endgültige Öffnung der Grenzen. Heute ist dort ein Mahnmal, Fotos von den Ereignissen und ein Stück Eiserner Vorhang. Heute fährt man einfach ohne Pass nach Fertörakos, isst „drüben“ um ein paar Euro und fühlt tief, was hier Unglaubliches gelungen ist.

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2009)

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2 Kommentare
Gast: ökono-mist
04.06.2009 03:20
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Die Ernüchterung folgt bei der Rückreise aus dem ehemaligen Ostblock:


Ein nervöser burgenländischer Volksarmist hält Herrn Chorherr für einen Tschetschenen, schießt ihm mit seinem scharf geladenen Strumgewehr in den Fahrradreifen und nimmt ihn in Schubhaft.

Müßig, zu erwähnen, daß der Rekrut daraufhin sowohl von der Innenministerin als auch vom Verteidigungsminister eine hohe Auszeichnung erhielt (Großer Kronenorden am Bande).

Auch der Stacheldraht, den Alois Mock vor zwanzig Jahren durchgezwickt hat, wurde nach diesem unerhörten Vorfall wieder aufgezogen. Seitdem kommt kein "Tschetschene" mehr über den Todesstreifen...


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stimmt

war auch vor kurzem in der gegend und hatte genau die gleichen gedanken

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