21.11.2009 17:30 | Meine Presse Merkliste0

Stadtplan: SüdafrikanischeZerstörung

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

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Der Unterschied ist gewaltig. Wir alle wissen, dass Tausende jährlich im Autoverkehr sterben. Es berührt uns kaum. Sehen wir mit eigenen Augen jemand am Straßenrand mit dem Tod ringen, versuchen wir zu helfen. Es berührt uns tief.

Wir wissen alle, dass, verteilt über den Globus, Abertausende ihre Heimat verlieren, vertrieben werden, weil ein Kraftwerk oder eine Mine gebaut wird. Hier, an der südafrikanischen „Wildcoast“, knapp 200 km südlich von Durban, erlebe ich es hautnah. Es ist schwer, hier nicht in Klischees zu verfallen, aber es ist so: Die Pondos leben wie vor hunderten Jahren, Subsistenzlandwirtschaft, in malerisch über die sanften Hügel verstreuten strohgedeckten Hütten. Dank ausreichender Niederschläge gedeihen Mais sowie vielerlei Gemüse, Rinder werden ebenso gezüchtet wie Ziegen und Hühner. Strom gibt es nur vereinzelt, wenn sich eine Familie eine winzige Solaranlage vor die Hütte stellt; diese reicht, in Kombination mit einer Autobatterie, fürs Radio und ein paar Glühlampen.

Die Pondos betreiben seit Jahren „community-based tourism“. Sie haben an besonders schönen Orten nahe dem unberührten Strand Camps errichtet oder bieten Übernachtungen in ihren Dörfern. Man glaubt, in einer Zeitmaschine zu sein. Ihre Zukunft sehen sie stark in dem naturverbundenen Tourismus.

Ob sie weiter ihre Kultur leben dürfen, ist ungewiss, denn an der völlig unberührten, sagenhaft schönen Küste wurde Titan entdeckt. Ein Metall, das zur Legierung von Stahl verwendet wird. Seit Jahren versucht ein australischer Konzern, mitten in Pondoland eine Mine zu errichten. Die Mehrheit der Menschen hier ist strikt dagegen. Sie wissen: Es wäre das Ende ihrer Kultur.

So ungebildet die Pondos aufgrund ihrer Lebensweise wirken mögen: Sie wissen, der Reichtum des gefundenen Titans kommt anderen zugute. Der reisende Europäer vergleicht: hier eine der letzten unberührten Küstenlandschaften Südafrikas und eine gewachsene Kulturlandschaft. Dort, in Europa, beschließen wir eine Verschrottungsprämie aus öffentlichen Mitteln, um funktionsfähige Fahrzeuge zu zerstören. Damit wir neue kaufen. Diese brauchen zur Herstellung Rohstoffe. Titan von der „Wildcoast“ zum Beispiel. Den Widerstand der Pondos wird der Europäer mit großer Leidenschaft unterstützen.

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2009)

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2 Kommentare
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Lesen hilft mein lieber

Die Pondos müssen nicht, aber sie wollens.
Übrigens fehlen alle Beweise dass es schon in der Steinzeit Tourismus gegeben hat.
Genau diesen haben die Pondos aber.
Nur halt vielleicht nicht im 5***** Gral.
Sanfter Tourismus war doch auch mal bei uns ein Schlagwort oder

Murray
10.08.2009 17:27
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Zweischneidig

Niemand will eine Mine in der Nachbarschaft. Aber wer will eigentlich genau so leben wie die Menschen vor Jahrhunderten. Idyllisch mag vielleicht das Bild sein, das sich dem Betrachter bietet, das Leben am Existenzminimum - und darauf läuft Subsistenzwirtschaft hinaus - ist es nicht.
Müssen die Pondos weiterhin in der Steinzeit leben, nur weil es dem Zivilisationsflüchtling Chorherr so gut gefällt?
Titanstähle sind nun einmal wichtig - für Fahrräder, Flugzeuge, Implantate und es wäre verlogen, deren Vorteile genießen zu wollen, gleichzeitig aber die zu verdammen, die die entsprechenden Rohstoffe gewinnen wollen.

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