08.02.2012 18:41 | Meine Presse Merkliste0

Stadtplan: Arbeiten Sie noch?

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Frühpension, also ohne Aufgabe zu sein, ist kein Privileg – im Gegenteil.

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Hannes Androsch wurde jüngst gefragt, warum er in seinem Alter – er ist über 70 – und seinem Einkommen – er ist jedenfalls Millionär – noch immer arbeite. „Ich arbeite nicht, ich bin tätig“, war die bedenkenswerte Antwort. Es ist an der Zeit, die Pensionsdebatte endlich aus ihrer Begrenztheit herauszuführen.

Ist es wirklich eine soziale Errungenschaft, Menschen zwischen 50 und 60 so lange zu mobben, bis sie gegen ihren Willen, weiter „tätig sein“ zu wollen, in die Pension geschickt werden? Heute erwartet diese Menschen – statistisch – noch rund drei Jahrzehnte gesundes Leben, und unsere Gesellschaft signalisiert ihnen: „Wir brauchen dich nicht mehr, schleich dich aufs Altenteil.“

Im völligen Gegensatz zur öffentlich verbreiteten Meinung, Frühpension sei ein Privileg, verspüren sehr viele, dass genau das Gegenteil stimmt. Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen, möchte wirken, gestalten, etwas mit anderen tun. Ohne Aufgabe zu sein ist das Gegenteil eines Privilegs. Das tatsächliche Pensionsantrittsalter liegt für Männer in Österreich bei 59 Jahren; und es sinkt weiter, im Gegensatz zu fast allen anderen OECD-Ländern.

Wohin die „Hackler-Debatte“ endlich führen müsste: Warum sind in unserem Land so viele Berufe so unattraktiv, die Arbeitsbedingungen so fremdbestimmt, dass die Flucht daraus so erstrebenswert ist? Obwohl wir, als Gesellschaft, materiell ziemlich reich geworden sind, wurde offensichtlich total verabsäumt, die vielfältigen Ausgestaltungen von „Arbeit“ zu entwickeln. Länger als bis 59 zu arbeiten, länger „tätig zu sein“ darf doch nicht als Bedrohung empfunden werden. Was wäre das für eine entsetzliche Gesellschaft? Das, was das Zentrum des Lebens oder doch zumindest ein ganz wesentlicher Teil davon ist, das, was man tut, schafft, gestaltet, wäre bloß eine Belastung, aus der man so früh wie möglich entfliehen will?


Zugespitzt gefragt: Verstößt der ORF, der dieser Tage hoch qualifizierte Journalisten in die Pension schickt, von denen manche erst in der Mitte ihrer 50er sind, alle jedenfalls weit unter dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter, nicht fundamental gegen den Artikel 23 der Menschenrechte, jenem über das Recht auf Arbeit? In diesem Artikel 23 steht auch das „Recht auf befriedigende Arbeitsbedingungen“. Hannah Arendt hat bereits in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts eines ihrer bahnbrechenden Werke verfasst: „Vita activa oder vom tätigen Leben“. Die Herren Khol und Blecha sollten es einmal durchblättern.

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2009)

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3 Kommentare
schmose
27.10.2009 17:29
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natürlich,

wenn man erwerbsarbeit pauschal als "tätig sein" verklärt und "ohne erwerbsarbeit" mit "ohne aufgabe sein" verwechselt ...

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Also überbezahlte Journalisten ...

... die noch dazu von Zwangsgebühren leben zu Opfern zu stilisieren kann auch nur einem abgehobenen Grünen einfallen. Außerdem gibt es ja viele Sender und Medien. Wenn die armen ORF-Opfer arbeiten wollten (und noch vermittelbar wären) gäbe es jede Menge Möglickeiten zu arbeiten. Generell ist das Menschenrecht auf Arbeit ein Holler, weil Quantität und Qualität von Arbeitsleistung eine individuelle Entscheidung ist.

Murray
20.10.2009 15:09
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Meinen sie das ernst?

Manchmal fragt man sich schon ernsthaft, wie oft Sie eigentlich den Planeten Erde besuchen? Wollen Sie uns allen Ernstes einreden, dass wir die Leute, die wir mit unseren Pensionsbeiträgen subventionieren müssen, wenn sie mit 55 oder früher in Pension gehen, auch noch beweinen müssen? Während die armen Hascherl nicht mehr tätig sein dürfen, sollen wir wohl noch froh sein, dass es uns gestattet ist, 50 Prozent unseres Einkommen als Beiträge an Staat und Sozialversicherung abzuliefern? Und die 50 Prozent sind ohnehin eine fromme Lüge, denn für die Effektivbesteuerung müßte man die Arbeitgeberbeiträge auch noch addieren, dann ist man bei 60 Prozent... Und so was wie Umsatzsteuer ist noch gar nicht dabei.
Abgesehen davon sind die armen, mißverstandenen Frühpensionisten durchaus tätig - aber für so genannte "außerbücherliche Einkünfte", wie die Steuerberater so schön sagen.

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