25.05.2013 20:51 Merkliste 0

Lebendige Stadt, gute Stadt

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Wenige kennen die richtige Antwort darauf: Welches Bundesland wird bald die jüngste Bevölkerung haben und wächst am stärksten?

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Es ist Wien. Fast alle Großstädte Europas boomen. Sie ziehen dank ihrer Universitäten und urbanen Kultur junge und erfindungsreiche Menschen an, ihnen folgen Unternehmen; die Stadt wächst und wird immer attraktiver.

Wird sie das wirklich? Vor allem jedoch: Welche Art von Stadt soll wachsen? Besonders begehrt sind die „alten“ Viertel in Wien, innerhalb des Gürtels, zunehmend auch außerhalb: wie Ottakring oder Rudolfsheim-Fünfhaus. Was „können“ diese Teile der Stadt, was offenbar so schwer in den Neubaugebieten auf der grünen Wiese gelingt? Die Beantwortung dieser Frage ist von elementarer Bedeutung, denn in den nächsten 20Jahren werden in Wien Wohnungen für mehr als 300.000 Menschen gebaut, quasi die zweitgrößte Stadt Österreichs innerhalb Wiens Stadtgrenzen.

Ein Wort, das in Städtebaudiskussionen oft zu kurz kommt, könnte der Schlüssel zur Beantwortung sein: Lebendigkeit! Das macht das Wien der Gründerzeit aus. Menschen bewegen sich auf der Straße, gehen einkaufen, treffen sich in Kaffeehäusern, im Sommer draußen – im „Schanigarten“.

Die meisten neu errichteten Stadtteile sind „tot“, auf den Straßen zwar Autos, aber kaum Menschen. Eingekauft wird im Einkaufszentrum, angereist wird im Auto. Warum ist das so? Hat vielleicht eine ganz kleine, scheinbar nebensächliche Norm gewaltige Auswirkungen? Das Gründerzeit-Wien wurde gebaut, bevor es die Stellplatzverpflichtung gab, jene Regelung, die jeder Wohnung einen Garagenplatz vorschreibt, meist unter dem Haus.

Die Konsequenz: Man fährt mit dem Lift in den Keller, setzt sich ins Auto – und ab ins Büro, zum Einkaufen oder ins Kino. Diese Regelung saugt die Menschen regelrecht von der Straße weg. Drum gibt's auch kaum Geschäfte in diesen Gebieten. Im Gründerzeit-Wien muss man auf die Straße. So bleibt das Herz der Stadt, der öffentliche Raum, lebendig. Wie wäre es mit folgenden drei schlichten Regeln für Wien:

1.) Keine Garagen unter den Häusern, sondern ein wenig entfernt, am besten weiter weg als das nächste öffentliche Verkehrsmittel.

2.) Kleine Parzellen statt riesiger Wohnsiedlungen.

3.) Verpflichtend hohe Erdgeschoßzonen.

Kleine Ursachen möglicherweise, aber gewaltige Auswirkungen: lebendige Städte statt toten öffentlichen Raums.

www.chorherr.twoday.net

 

Die Lebendigkeit! Das macht das Wien der Gründerzeit aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2009)

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11 Kommentare
Gast: gsheit
03.03.2010 00:28
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der

herr chorherr

kompliment.

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Wie wäre es mit Verzicht auf Planung?

Warum Stadtplanung, wenn sie solche Resultate erzeugt? Warum schenkt man unseren Stadtbeglückern nicht einfach SimCity4 und läßt die Stadt von alleine wachsen?
Vielleicht, weil dann jemand auf die Idee kommt, dass alle diese Planungsämter und MA2412-gleichen Verwaltungsbehörden nichts weiter sind als Beschäftigungstherapie für pragmatisierte Möchtegerndiktatoren und Gschaftlhuber mit Kontrollwahn.

Gast: Euriei
03.12.2009 11:14
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Vernunft vs. Autowahn

Die Stimme der Vernunft ist leise. Dass uns die Vollmotorisierung glücklich gemacht hat kann man ja wohl nicht behaupten. Dass wir durch's Autofahren "Zeit sparen" (im Vergleich zu vor, sagen wir, 100 Jahren) auch nicht. Dass Autoverkehr beliebt ist wohl auch nicht (der der anderen - selbst will man natürlich Auto fahren). Aber die Politik ist zu feige, dem entsprechend zu agieren. Immer noch glauben manche, die unbeschränkte Autofahrfreiheit (für jeden, immer, extrem billig) sei wichtiger als die Gesundheit der Bevölkerung (lärmschutz usw.).

wiedermal

zustimmung. manche können sich eben nicht mit der realität anfreunden. die gegend um den brunnenmarkt wird sehr wohl von studenten bevorzugt. nachzulesen unter anderem bei Fassmann et al.

die neuen wohnviertel sind dagegen einfach nur seelenlos, könnte dort nicht wohnen

Re: wiedermal

Ich habe ja nicht bestritten, dass Studenten, die ein billiges Quartier suchen, auch dort fündig werden. Ich wollte aber sagen, dass aus Schulkindern, die kein Deutsch verstehen, niemals Hochschulabsolventen werden können, eher enden sie als Langzeitarbeitslose!

Re: Re: wiedermal

naja, wenn sie sich anstrengen geht das schon ;) aber natürlich ist es besser sie lernen vorher deutsch. passt aber thematisch nicht wirklich zum artikel.

und warum sollte chorherr uns einen schlechten lebensstil wünschen? ich find wie gesagt den 15. Bezirk weitaus angenehmer als zb. den 22.

Re: Re: Re: wiedermal

Habe schon im 22. und auch im 15. gewohnt, der Unterschied ist gewaltig! Der 22. ist unvergleichlich besser!

Re: Re: Re: Re: wiedermal

inwiefern? ich wohn in der nähe vom 15. und bin relativ oft dort. der 22. ist für mich einfach lieblos und planlos hingebaut. lauter graue langweilige wohnhauskonglomerate. fast wie im ehemaligen ostblock (nur dass die häuser niedriger sind) und die donau city (bürohäuser wie es sie in jeder anderen europäischen großstadt gibt)

Re: Re: Re: Re: Re: wiedermal

Aber die Alte und die Neue Donau gibt es im 15. nicht, nur lauter triste Häuserzeilen!

Dort, wo fast alle Schulanfänger nicht deutsch können, ist Christoph Chorherrs ideale Stadt!


Re: Dort, wo fast alle Schulanfänger nicht deutsch können, ist Christoph Chorherrs ideale Stadt!

Wenn T.C. Ottakring sagt,so denkt er ja nicht an die Cottageviertel am Wienerwald, sondern an die Gegend um den Brunnenmarkt, wo es zugeht, wie auf einem orientalischen Basar! Dort wachsen aber nicht Studenten heran, sondern eher Menschen, denen man später nur sagen kann: "Du Hammer nehmen und da draufschlagen!" Viele können sich da auch trotz aller Einschränkungen kein Auto leisten.
Das ist der Lebensstil, den sich Christoph Chorherr für uns alle wünscht!

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