25.05.2012 14:24 | Meine Presse Merkliste 0

Stadtplan: Utopisches zum Grant

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Was wäre, wenn eine Fee kommt und vom Wohlstand erzählt?

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Versetzen wir uns in zwei Personen. Die eine: Sie lebte irgendwann in einem der vergangenen Jahrhunderte. Die andere: Sie lebt heute in einem Township in Afrika, in Asien oder Südamerika. Zu beiden kommt eine Fee und erzählt von einer Gesellschaft, in der für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Folgendes selbstverständlich ist: Wenn man hungrig ist, geht man in ein Geschäft in der Nähe und kauft sich einfach etwas zu essen. In der Wohnung gibt es fließendes heißes und kaltes Wasser in Trinkwasserqualität.

Ist es draußen kalt, schaltet man ein Gerät ein, und in der gesamten Wohnung wird es warm. Eine Toilette lässt geruchlos und hygienisch die Fäkalien verschwinden. Wird man krank, zückt man, ungeachtet seines Einkommens, eine kleine bedruckte Karte und bekommt weitgehend kostenfrei medizinische Betreuung.

Schulbildung ist ebenso gratis für alle; für jene, die weiter entfernt sind, bezahlt der Staat den Transport. Zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten kommt man relativ einfach. Erschwingliche öffentliche Verkehrsmittel ermöglichen es. Auf den Straßen liegt kein stinkender Müll, er wird professionell weggeräumt.

An die 90 Prozent aller Menschen, die arbeiten wollen, finden eine bezahlte Tätigkeit. Für jene, die arbeitslos sind, gibt es eine Reihe von Fortbildungsmaßnahmen, und ebenso Zahlungen, um sie in der Zwischenzeit zu unterstützen. Wird man alt, ist Einkommen, wenn auch manchmal bescheiden, für beinahe alle eine weitere Selbstverständlichkeit. Jeder darf seine Meinung frei äußern, sie auch publizieren, und wenn er sich befähigt fühlt, sich als Politiker einer weitgehend fairen Wahl stellen.

Wie würde unser fiktiver Bewohner eines Townships, dem nahezu alles fehlt, was hier beschrieben wurde, bzw. jener, sagen wir, im 17. Jahrhundert Lebende auf diese Erzählung reagieren? Ungläubiges Staunen über nahezu paradiesische Zustände. Ersterer riskiert deswegen oft auch alles, sogar sein Leben, um in dieses wundersame Land zu kommen.

Jetzt kommt das Unglaublichste an dieser Geschichte. Denn die Fee fragt noch etwas: „Wie viel wird in dieser Gesellschaft gelacht, wie zufrieden und fröhlich sind diese Menschen? Auch wenn ihr mir das nicht glauben werdet: Sie haben große Angst, und wenn ihr ihnen auf der Straße begegnet, lachen sie ganz selten.“

Letztlich: Warum reagieren so viele aggressiv, wenn ich ihnen dies erzähle?

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2010)

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5 Kommentare
Murray
04.03.2010 21:52
0 0

Bovist, wo bist?

Wo bleibt Ihr nächster Kommentar? Ich lechze danach, irgendetwas in der Luft zu zerreissen, was auch immer es sein mag...

Murray
02.03.2010 09:31
0 0

Ja, warum sind denn alle so aggressiv?

Feen stammen halt aus Märchen und erzählen solche. Medizinische Versorgung und Schulbildung sind nicht gratis und gerade in Österreich außerordentlich teuer, dasselbe gilt für die Müllabfuhr. Es gibt keinen Geldsch... namens "Staat", zahlen dürfen die Steuerzahler und nicht gerade wenig. Ihre Fee scheint ja nicht gerade die hellste zu sein.
Aber warum funktioniert es gerade bei uns und nicht in den Townships? Ansätze für eine Wohlstandsbildung sollte es auch dort geben. Und was erzählen Besucher der Slums? "Vorgärten, in denen die Einwohner Gemüse zur Selbstversorgung anbauen könnten, gäbe es genug, wer es aber versucht, muss erleben, wie seine Bemühungen einem hemmungslosen Vandalismus zum Opfer fallen. Niemand versucht auch nur, zu sparen. Wer mehr besitzt als das zum unmittelbaren Überleben Notwendige, läuft Gefahr, einem Raubmord zum Opfer zu fallen." Fazit: die Menschen leben in den Tag hinein, weil ihnen nichts anderes bleibt. Es gibt keinen Aufbau eines Kapitalstocks, daher keine Aussicht auf irgendeinen Wohlstand, weder jetzt noch in Zukunft. Die Armut in den Townships ist eine Folge der Mißachtung des Rechts der anderen (nicht umgekehrt). Wenn jetzt ein Township-Bewohner nach Österreich kommt, stellen sich die Österreicher die Frage: Ist das einer von der Sorte, die aufbauen wollen oder einer von den Vandalen und Mördern? Daher die Angst. Grantig sind alle, weil sie die Vandalen und ihre Apologeten (z. B. Chorherr) nicht auch noch subventionieren möchten.

periskop
22.02.2010 18:52
2 0

Man muss die wundersame Geschichte aber auch zu Ende erzählen!

Was noch fehlt:
Alle die geschilderten paradiesischen Zustände kommen daher, dass man, um andere für sich arbeiten zu lassen, nicht mehr Sklaven, ja nicht einmal mehr Tiere braucht! Die Menschheit hat in der Erde Stoffe gefunden, die, wenn man sie anzündet, viel mehr Arbeit verrichten, als es Sklaven oder Tiere könnten! Um diese Stoffe zu gewinnen, braucht es nicht einmal viel Arbeit, sodass alle, die über diese Stoffe verfügen, in dem von Thomas Chorherr beschriebenen Schlaraffenland leben können!
Hier hat man auch Leute, die man "Soziologen" nennt, die herausbringen, was man ohnehin schon weiß, dass nämlich die Menschen umso zufriedener sind, je mehr Wohlstand sie haben!
Vielleicht lachen sie wirklich weniger als anderswo, das haben die Soziologen noch nicht untersucht. Wenn es aber so ist, dann deshalb, weil es hier merkwürdige Leute gibt, die sich "Grüne" nennen, deren größtes Anliegen darin liegt, den Menschen die Freude an ihrem Leben zu vermiesen! Entweder wird ihnen eingeredet, dass sie bei der Schaffung ihres Wohlstandes die Wälder ruinieren, oder sogar die Erde so erwärmen, dass sie nicht mehr so bequem wie bisher sein wird! Menschen, die keine Sorgen haben, machen sich welche, weshalb sie auf diesen Unsinn hereinfallen und glauben, sie hätten wirklich nichts zu lachen! Dabei müsste man nur aufhören den Grünen jeden Unsinn zu glauben und schon könnte man wieder mehr lachen als alle anderen, die nur einen kleinen Anteil am Schatz aus der Erde nützen können!

Gast: Gast
22.02.2010 15:39
0 1

Journalistendeutsch

Was wäre, wenn eine Fee kommt und vom Wohlstand erzählt? - Ich würde sie sofort fragen, warum bei all diesem Wohlstand kein Geld für einen brauchbaren Unterricht bereitgestellt
wird. Na, wie heißt der Satz grammatikalisch richtig ?

Gast: Grüner Zaungast
22.02.2010 12:17
0 0

Warum letztlich so viele aggressiv reagieren...

...wenn Sie, lieber Herr Chorherr, diese Fabel erzählen, möchte ich Ihnen gerne erläutern.
Es hat was mit dem Erzähler zu tun.
Wenn ein „Joe the Plumber“, ein gerade Vater gewordener Lehrling oder eine Hauptschülerin die Geschichte erzählen, werden alle sagen, „Respekt“, „menschliche Größe“ und zustimmend mit dem Kopf nicken.
Wenn ein nach hiesigen Verhältnissen abgesicherter grüner Politiker von der Erd-Süd-Halbkugel aus via schickem Notebook ein und die selbe Geschichte nach Wien sendet, dann kann das von oben genannten Menschen durchaus als realitätsfern, ganz, ganz weit weg... wahrgenommen werden, wenn nicht sogar als Hohn und Spott.
However, ihre Zielgruppe ist ja eh eine andere, insofern…

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