25.05.2012 14:27 | Meine Presse Merkliste 0

Stadtplan: Handwerk vermittelt Ethos

CHRISTOPH CHORHERR (Die Presse)

Günter ist Pensionist. Er ist gelernter KFZ-Mechaniker, Schlosser und Schmied. Metallbearbeitung und junge Menschen, das war, das ist sein Leben.

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Fast 30 Jahre hat er in einer HTL in Kärnten Metallfertigkeiten gelehrt. Jetzt war Günter in Südafrika, in einer Townshipschule. Sechs Wochen lang hat er Schülern Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung vermittelt, eine Werkstatt eingerichtet, den Tisch selber gebaut und eine Ahnung jenes Schatzes in diese Schule gebracht, die in unserer heimischen Bildungsdiskussion viel zu wenig beachtet wird: Handwerk. Dessen Wert erschließt sich erst, wenn es fehlt. Nicht nur in Afrika, sondern in weiten Teilen der Welt, auch in den USA sind selbstständige, gut ausgebildete Handwerker Mangelware.

Eine These sei hier aufgestellt, sie zu überprüfen, wäre eine lohnende Aufgabe für Ökonomen: Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der zwar erodierenden, aber immer noch soliden handwerklichen Ausbildung in Österreich und Deutschland, und deren hohen Exportquoten. Die Löhne in diesen Ländern sind hoch, trotzdem setzen sie sich am Weltmarkt durch. Selbst jetzt, in der Krise. Denn in diesen Ländern gibt es eine jahrhundertealte Kultur des Handwerks, der kleinen Betriebe sowie der dualen Ausbildung: Lernen im Betrieb, Lehrling-Geselle-Meister. Davon profitiert auch die Industrie. Diese Tradition, dieser Schatz ist seit längerem bedroht. Handwerk gilt als minderwertig. Beschleunigt wird diese Erosion durch unser Kaufverhalten: Billige, industriell gefertigte und importierte Möbel aus Einrichtungshäusern werden handwerklich hergestellten aus der Region vorgezogen. Bei Kleidung ist es ähnlich. Zu teuer? Bei Autos, man sehe sich nur auf den Straßen um, fahren nicht vorwiegend billige Gebrauchtwagen. Warum leistet man sich ein teures Auto, bei Tischen oder Schuhen jedoch kauft man auf billige seelenlose Importware? Es gibt zum Glück eine gegenläufige Tendenz. In Vorarlberg oder der Oststeiermark zum Beispiel. Die Politik sollte diese Initiativen unterstützen. Steuerlich, aber auch mit neuen Ausbildungswegen. Matura und Lehre wird noch immer viel zu selten angeboten.

„Solides Handwerk” vermittelt auch Ethos. Günter hat sein Unterrichten in Afrika aus eigener Tasche bezahlt. Es war und ist ihm wichtig. Denn er ist sehr stolz auf seinen Beruf, der eigentlich eine Berufung ist. Wir sollten stolz auf ihn und Seinesgleichen sein.

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2010)

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7 Kommentare
Gast: mike
16.04.2010 10:51
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Das ist auch ein gesellschaftliches Problem:

Solange "blue-collar-jobs" als minderwertig angesehen ( und bezahlt ) werden, wird sich der von Herrn Chorherr aufgezeigte Trend nur verstärken .

Gast: ökono-mist
11.04.2010 02:52
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Auf teuren Plakaten den Menschentier'n Vernunft einbläu'n ins Spatzenhirn...(Günther Nenning)


Der Mehrwertsteuerstaat muß zwangsläufig in die entgegengesetzte Richtung marschieren:
Je mehr industriell gefertigtes Glumpert gekauft und weggeschmissen wird, desto mehr kann er und seine Repräsentanten, die meist selber zwei linke Hände haben und nicht einmal eine Klospülung selbst reparieren können (die also ohne Geld hilflos wären), einsacken.

Und der größte überteuerte Pfusch bringt ihnen eben das meiste Geld!

Mit Verschrottungsprämien für intakte Fahrzeuge wurde der sozial- und umweltpolitische Rubikon endgültig überschritten.
Man signalisiert damit nämlich dem Handwerker und dem Industriearbeiter gleichermaßen:

Der Staat schätzt Qualitätsarbeit und Präzision nicht. Langfrist-Investitionen sind verpönt - deswegen erklärt er das teure Auto kurzerhand von Amts wegen zum Modeartikel, der nach dem Ex-und-hopp-Prinzip zu behandeln ist. Und bestimmt so selbst die Einsatzdauer der Gebrauchsgüter des Bürgers!

Wenn das auch nicht hilft, erklärt er das teure Ding eben zu Schrott! Die damit angelockten Vandalen und die ebenfalls auf den Plan gerufenen hänselnden Stammtischbrüder werden schon ganze (Mobbing-)Arbeit leisten, wenn schon der Eigentümer nicht von selbst zur "Vernunft" kommen will!
Gefährliche Qualitätsprobleme (steckende Gaspedale) könnten bereits ein direkter Ausfluß dieser asozialen Politik sein.
Zu allem Überfluß kommt diese frecherweise auch noch im Öko-Mäntelchen daher.

Reparieren verboten - neu produzieren ist ressourcenverschwendender!

hast
08.04.2010 21:01
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das klassische "handwerk" existiert kaum noch!

wenn man zu einem tischler geht und nach einer einrichtung fragt, werden möbel vorgeschlagen, die man auch im möbelhaus kaufen kann. das liegt möglicherweise daran, daß der tischler die gleichen industriellen halbfertigprodukte verarbeitet wie die industrie (platten, beschläge).

will man etwas aussergewöhnliches, hört man sehr oft "das geht nicht/gibts nicht"

das gilt auch für elektriker, installateure, ...

handwerkern fehlt erfahrungsgemäß auch jegliches ästhetisches empfinden.das spielt in der ausbildung auch keinerlei rolle.

ausnahmen bestätigen die regel.


Gast: Martin S
07.04.2010 19:50
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Also ich habe kein Auto,

kaufe aber trotzdem die Schuhe bei Deichmann, die Schuhe halten auch mindestens 2-3 Jahre, und dann sind auch "massgeschneiderte Schuhe" reparaturbedürftig.

periskop
06.04.2010 18:43
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Diesmal weitgehende Zustimmung!

Ohne gut ausgebildete und intelligente Arbeiter (Handwerker sind das ja meistens) wären nicht nur die von Christoph Chorherr genannten Exporterfolge unmöglich, sondern auch der bei uns hohe Wohlstand! Der kommt aber hauptsächlich vom Export und damit weniger von den "kleinen Betrieben", als von der Industrie, deren Produkte immer genau so gut sind, wie ihre Arbeiter. Nur wenn diese ein hohes Niveau haben, sind hochwertige Güter, die einen guten Preis erzielen und dadurch hohe Löhne möglich machen, herstellbar.
Man wird einwenden, dass die Entwicklungen nicht von Arbeitern, sondern von Ingenieuren gemacht werden, aber die letzten Details der Ausführung müssen immer wieder von denen kommen, die es mit ihren Händen machen.
Dass dieses wertvolle Humankapital erodiert, daran ist wohl hauptsächlich die hier grassierende, auch von den Grünen fleißig geschürte Technikfeindlichkeit schuld (typisch sind Chorherrs abschätzige Bemerkungen über die Industrie). Sie führt dazu, dass immer mehr intelligente junge Menschen lieber länger in die Schule gehen als ein Handwerk lernen.
Auf lange Sicht bewirkt die Erosion der intelligenten Arbeiterschaft, dass auch bei uns nur mehr die von Chorherr kritisierten Billigprodukte hergestellt werden können, was zu niedrigeren Löhnen und damit zu einer Verarmung unserer ganzen Volkswirtschaft führen muss!

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Re: Diesmal weitgehende Zustimmung!

Natürlich stimmt der Kommentar. Mich würde trotzdem interessieren was Sie genau unter dem schüren von Technikfendlichkeit verstehen? Ist es schon technikfeindlich wenn man Umweltauflagen fordert?

Antworten Antworten periskop
07.04.2010 18:41
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Re: Re: Diesmal weitgehende Zustimmung!

Nein, natürlich nicht, aber dass alles industriell Gefertigte dauernd heruntergemacht wird schon. "Großtechnik" wird überhaupt als das Böse schlechthin dargestellt!
Die Grünen sind da nicht allein, sie engagieren sich aber doch etwas mehr.
Die Folge davon ist, dass die Technischen Universitäten geradezu um Studenten betteln müssen, während Fächer, die weit weg von der Naturwissenschaft sind, nicht wissen, wie sie den Ansturm bewältigen sollen.
Der Wohlstand hängt aber, auch wenn man das heute nicht gerne hört, eng mit dem technischen Fortschritt zusammen!

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