Von meiner Großmutter gibt es ein Foto, auf dem sie etwa vier Jahre alt ist. Sie trägt ein weißes Kleid mit Spitzen, eine Schleife und eine ernste Miene. Damals sah man noch ernst und gesammelt drein beim Fotografen. Erst als meine Mutter schon auf der Welt war, kam die Sitte mit dem Lächeln auf. Von ihr gibt es auch schon Bilder, die nicht im Studio entstanden sind, sie steht in einem quer gestreiften Röckchen auf dem Eislaufplatz und winkt freundlich in die Kamera meines Großvaters. Aber auch dieses Foto ist gestellt. Meine Mutter kann nämlich gar nicht eislaufen, keine Spur.
Heute sagen wir „Cheese“ oder „Spaghetti“, aber meistens knipsen wir einfach munter vor uns hin, kostet ja nicht viel, kostet fast gar nichts mehr, und Platz genug auf der Festplatte ist immer. Von Hannah gibt es eine Aufnahme mit arg geschwollenen Backen: Da hat man ihr gerade die Weisheitszähne gezogen. Von Marlene habe ich Fotos ins Album geklebt, auf denen sie heult! Sie sieht niedlich aus. An den Urlaub erinnern uns Bilder vom blaublauen Meer, aber auch von versifften Bahnhofshallen, wo die Kinder auf rostigen Gepäckwagerln sitzen.
Ganz ungeschönt wollen wir die Erinnerungen allerdings doch nicht hinüberretten, die Kinder auf den rostigen Gepäckwagerln sind fröhlich und nicht grantig nach zwölf Stunden Fahrerei und die Plastiksackerln und kaputten Schuhe auf dem Weg zum blaublauen kalabrischen Meer lichten wir sowieso nicht ab.
Wer fotografiert, denkt eben immer schon an später. Wer unverstellte Vergangenheit haben will, der sollte sich an Mails halten oder noch besser an die SMS, die längst schon den Brief abgelöst haben, was schade sein mag. Andererseits: Ich kenne kein getreulicheres Abbild des Alltags als SMS. Es geht um Katzenstreu, das noch gekauft werden muss, um Termine, die länger dauern, um Kellerschlüssel, die verschollen sind, um kurzfristig einberufene Elternabende. Aber auch um Streit („Ich führe mit dir nur noch Dienstgespräche!“), Zuspruch („Hetz di net“) und um Versöhnung („Bitte, bitte nicht ungerecht sein“).
Meistens geht es um die Kinder, wie das eben so ist: Stephan will, dass ich Hannah anrufe, damit sie endlich Klavier übt. Marlene will, dass ich Papa anrufe, er soll mit ihr Uno spielen. Hannah schreibt: „Papa ist peinlich“, Marlene schreibt: „Hannah ist krantik“. Stephan schreibt: „Wann kommst du?“ Und ich schreibe: „Eh bald“, und ich schreibe „Bussi“, und wenn Hannah mich wieder einmal beflegelt („Du bist soooo unfair“) oder ansumst („Nie hebst du ab, du bist eine schlechte Mama“), antworte ich freundlich und in korrekter Rechtschreibung oder gar nicht. Ich weiß ja (im Gegensatz zu allen anderen): Diese SMS werden gespeichert.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)















