Urlaub. Wir sind auf Urlaub! Urlaub ist ein Ort, wo das Wohnzimmer im Freien liegt, die Muscheln vongole heißen und die Kinder schon am ersten Tag jammern, weil sie sich langweilen, was mir aber egal ist. „Super“, sage ich, „wir wollen uns erholen, und erst wenn einem fad ist, erholt man sich richtig.“ Gilt nur leider nicht für mich, ich habe ein Smartphone mit.
Am zweiten Tag streiten wir uns über die Sitzordnung beim Essen auf der Terrasse. Wir alle wollen einen Platz mit Blick zum Meer, Marlene, 9, hat eine Idee: Wir rutschen bei jeder Mahlzeit eins weiter, so wie die Teegesellschaft des verrückten Hutmachers in „Alice im Wunderland“.
Am dritten Tag ramme ich, gut gelaunt von ein paar Gläsern Corvo rosso, meinen Oberschenkel in die Klinke eines Gatters, es bildet sich ein handtellergroßer blauer Fleck, der die Form von Australien hat und am vierten Tag die Farben des Regenbogens annimmt. Mein Mann ist beeindruckt davon, was mein Körper so produzieren kann. Ich sage: „So wie die Kinder immer rumjammern, habe ich mir gedacht, das sei viel schmerzhafter.“ Die Kinder sind sauer.
Der fünfte Tag endet damit, dass Marlene mit tränennassen Augen vor meinem Liegestuhl steht. Die drei haben diskutiert, was besser sei, die geraden oder die ungeraden Zahlen. Hannah rechnet vor, dass die Addition zweier gerader Zahlen immer wieder eine gerade Zahl ergebe, das sei doch sehr hübsch! Genau das, ruft Stephan, gehe ihm bei den geraden Zahlen auf die Nerven, die halten sich für etwas Besseres. Das findet Marlene auch. Ich höre nicht mehr zu, mir geht die Debatte auf die Nerven. Offenbar hat aber Hannah, 13, die besseren Argumente; darum muss ich Marlene jetzt trösten. Am sechsten Tag entdeckt Marlene, dass unsere Alice-im-Wunderland-Methode dafür verantwortlich ist, dass sie immer nur neben Papa und Hannah sitzt, nie neben mir. Marlene jault auf: „Das ist unfair!!“
Veto. Der am ersten Tag gekaufte Basilikumtopf, den ich vor jeder Mahlzeit plündere, ist am siebten Tag immer noch so grün und voll wie kurz nach dem Kauf im örtlichen Supermarkt. In Wien schaut er binnen Kurzem immer aus wie gerupft. Ich denke, mein italienischer Topf bekommt einfach genügend Licht; Stephan ist überzeugt, es liege daran, dass er ihn gießt. Wir streiten bis am Nachmittag des achten Tages, an dem ich meine Kolumne schreibe, die ich allerdings nicht veröffentlichen darf, weil Hannah ihr Veto einlegt, was Stephan wiederum arg findet. So versöhnen wir uns wieder. Am neunten Tag schreibe ich eine neue Kolumne.
„Ach“, sage ich am zehnten Tag, „die Hälfte des Urlaubs ist schon vorbei!“ – „Stimmt doch gar nicht“, sagt mein Mann. „Doch! Freitag sind wir angekommen. Montag, Dienstag,...“ – „Hör auf“, sagt mein Mann, „keine Beweise, bitte.“
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)















