Ich muss etwa 14 oder 15 gewesen sein. Meine Eltern waren mit mir unterwegs, irgendwo auf Urlaub, und ich langweilte mich, so wie ich mich in diesem Alter meistens langweilte, aus Prinzip und Überdruss. Jedenfalls übernachteten wir bei Bekannten, ich bekam ein kleines Zimmer zugewiesen und in diesem Zimmer stand: ein Nachtkastl. Natürlich gab es da auch noch andere Möbel, aber das Nachtkastl ist das einzige, an das ich mich heute noch erinnern kann: Es war schmal, aus dunklem Holz, und von oben bis unten vollgestopft mit Heftromanen,
In diesen Heftromanen ging es um die Gesellschafterin einer kauzigen alten Dame, die sich auf einer Kreuzfahrt (Kreuzfahrten waren damals noch so was von nobel, aber oho!) in den Kapitän verliebt (Kapitäne waren auch oho!). Um eine Kranke, die von ihrem feschen Chirurgen nicht nur gerettet, sondern auch vor den Traualtar geführt wird. Um einen Grafen, der ein einfaches Stubenmädchen liebt, das allerdings, wiewohl verarmt, ebenfalls von hohem Stand ist, wie sich später herausstellt. Da erblassten die Frauen, da hoben sich die Brauen und der Busen, da waren die Lippen rot und voll und die Brüste der Männer breit – und als ich mit dem Nachtkastl durch war, hatte ich das Gefühl, mich überessen zu haben.
Die Heldin errötet. Wieder. Und wieder. Neulich habe ich mir „Fifty Shades of Grey“ auf meinen E-Reader geladen, der in Großbritannien die Ratgeberspalten diverser Zeitungen füllt (Frage: „Wir sind fast dreißig Jahre verheiratet. Wie bringe ich meinen Mann dazu, dass er mit mir Bondage ausprobiert?“) und überall als „Mummy Porn“ angepriesen wird: Ich bin auch eine Mutter, mit den üblichen Pornos konnte ich noch nie etwas anfangen – vielleicht, habe ich mir gedacht, ist das ja etwas für mich.
Stattdessen hatte ich ein Déjà vu.
Ich las von einer armen Studentin der Literatur, die sich in einen Wirtschaftskapitän verliebt, der Geld hat, noch mehr Geld und einen Hubschrauber. Sie errötet und kaut sexy auf ihrer Unterlippe herum, er riecht nach frisch gebügelter Wäsche und schenkt ihr durchdringende Blicke. Sie ringt nach Luft, er nimmt sie in den Arm. Sie wird fast überfahren, er rettet sie: In letzter Sekunde reißt er sie von der Straße zurück und drückt sie an seine Brust. Und genau wie die Gesellschafterin, das Stubenmädchen und die Kranke ist Anastasia noch Jungfrau! Allerdings nicht mehr lange, das ist der einzige Unterschied zu den Heftromanen im dunklen Nachtkastl: Dort kam es nicht zum Vollzug.
Anastasia ist 22 Jahre alt. Warum ein Buch über die Erlebnisse von Twens „Mummy Porn“ genannt wird? Keine Ahnung. Nur eine Hoffnung: Weil junge Frauen so etwas nicht lesen.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)















