Ich kann mir nicht vorstellen, einen Penis zu haben. Das erschwert durchaus die Teilnahme an dieser Debatte. Mir kann man zunächst einmal alles weismachen: Man kann mir – wie der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft – erklären, so eine Zirkumzision sei wie Fingernägel schneiden, und ich erwidere: Okay, klingt nicht weiter schlimm, das mache ich zweimal die Woche. Man kann mir erklären: Das ist schwere Körperverletzung, und in dem Fall bin ich natürlich dagegen.
Was also tun, als Frau? Als Erstes habe ich ein wenig an meinem Mann herumgezupft, um das Prinzip der Beschneidung anatomisch genauer fassen zu können, ich meine: Wie viel schnippelt man da genau ab? Als nächstes habe ich Rat bei Wikipedia gesucht, dort veranschaulichen Fotos die verschiedenen Arten und Weisen des Beschneidens, von „dran ziehen und abzwicken“ bis „ganz weg damit“. Die Fotos waren hilfreich, wobei ich nicht verschweigen möchte, dass eine Nutzerin sie anstößig fand: Was, fragte sie, wenn ihre Kinder diese Sammlung von Penissen gesehen hätten?
Man sieht: schwierig. Und ich frage mich, ob wir die Debatte auch deshalb so lange hinausgezögert haben, weil wir prüde sind.
Widersprüchliche Studien. In den Wochen darauf habe ich von Studien gehört, wonach das Sexualleben beschnittener Männer sich verbessert, weil die Ejakulation sich verzögert. Andere Studien besagen, das Sexualleben beschnittener Männer sei beeinträchtigt, weil die Eichel unempfindlicher wird. Wieder andere finden, am Sexualleben ändere sich gar nichts, jedenfalls nichts, was von statistischer Relevanz wäre. Da fehlen aussagekräftige Studien. Darüber hinaus las ich von Einzelschicksalen, vielen Einzelschicksalen: von Angst, von verpatzten Operationen – und sogar von toten Babys in New York, denen ein mit Herpes infizierter Beschneider das Blut mit dem Mund abgesaugt hatte.
Dann kam auch noch der Vergleich des Beschneidungsverbots mit dem Holocaust auf: Das fand ich erst hysterisch, dann wurde ich nachdenklich. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, einen Penis zu haben, so kann ich mir doch mit etwas Fantasie ausmalen, wie es ist, fest an etwas zu glauben. Etwa daran, dass das Seelenheil meines Sohnes gefährdet ist, wenn ich ihn nicht beschneiden lasse. Da geht es um den Bund mit Gott. Da geht es um – alles! Wer erinnert sich noch an Zeiten, als ungetaufte Säuglinge nicht in geweihter Erde bestattet werden durften? Das war dramatisch.
Wer so tief glaubt, für den ist Panik eine angemessene Reaktion. Aber in der Annahme, dass die meisten ihre Söhne beschneiden lassen wollen, weil es Tradition ist und „halt immer so war“: Vielleicht bringt die Debatte den einen oder anderen dazu, es sich zu überlegen.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)















