20.05.2013 01:10 Merkliste 0

Seelenheil

von Bettina Steiner (Die Presse)

Mit ein wenig Mühe kann ich nachvollziehen, wie es ist, an etwas ganz fest zu glauben – zum Beispiel daran, dass an der Beschneidung das Seelenheil meines Sohnes hängt.

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Ich kann mir nicht vorstellen, einen Penis zu haben. Das erschwert durchaus die Teilnahme an dieser Debatte. Mir kann man zunächst einmal alles weismachen: Man kann mir – wie der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft – erklären, so eine Zirkumzision sei wie Fingernägel schneiden, und ich erwidere: Okay, klingt nicht weiter schlimm, das mache ich zweimal die Woche. Man kann mir erklären: Das ist schwere Körperverletzung, und in dem Fall bin ich natürlich dagegen.

Was also tun, als Frau? Als Erstes habe ich ein wenig an meinem Mann herumgezupft, um das Prinzip der Beschneidung anatomisch genauer fassen zu können, ich meine: Wie viel schnippelt man da genau ab? Als nächstes habe ich Rat bei Wikipedia gesucht, dort veranschaulichen Fotos die verschiedenen Arten und Weisen des Beschneidens, von „dran ziehen und abzwicken“ bis „ganz weg damit“. Die Fotos waren hilfreich, wobei ich nicht verschweigen möchte, dass eine Nutzerin sie anstößig fand: Was, fragte sie, wenn ihre Kinder diese Sammlung von Penissen gesehen hätten?

Man sieht: schwierig. Und ich frage mich, ob wir die Debatte auch deshalb so lange hinausgezögert haben, weil wir prüde sind.

Widersprüchliche Studien. In den Wochen darauf habe ich von Studien gehört, wonach das Sexualleben beschnittener Männer sich verbessert, weil die Ejakulation sich verzögert. Andere Studien besagen, das Sexualleben beschnittener Männer sei beeinträchtigt, weil die Eichel unempfindlicher wird. Wieder andere finden, am Sexualleben ändere sich gar nichts, jedenfalls nichts, was von statistischer Relevanz wäre. Da fehlen aussagekräftige Studien. Darüber hinaus las ich von Einzelschicksalen, vielen Einzelschicksalen: von Angst, von verpatzten Operationen – und sogar von toten Babys in New York, denen ein mit Herpes infizierter Beschneider das Blut mit dem Mund abgesaugt hatte.

Dann kam auch noch der Vergleich des Beschneidungsverbots mit dem Holocaust auf: Das fand ich erst hysterisch, dann wurde ich nachdenklich. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, einen Penis zu haben, so kann ich mir doch mit etwas Fantasie ausmalen, wie es ist, fest an etwas zu glauben. Etwa daran, dass das Seelenheil meines Sohnes gefährdet ist, wenn ich ihn nicht beschneiden lasse. Da geht es um den Bund mit Gott. Da geht es um – alles! Wer erinnert sich noch an Zeiten, als ungetaufte Säuglinge nicht in geweihter Erde bestattet werden durften? Das war dramatisch.

Wer so tief glaubt, für den ist Panik eine angemessene Reaktion. Aber in der Annahme, dass die meisten ihre Söhne beschneiden lassen wollen, weil es Tradition ist und „halt immer so war“: Vielleicht bringt die Debatte den einen oder anderen dazu, es sich zu überlegen.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)

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5 Kommentare
Gast: Quellenangabe
09.08.2012 12:26
0 0

Studie zum Thema

Es gibt sehr wohl – allerdings erst in jüngerer Zeit – empirische Studien zum Thema:

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1464-410X.2006.06685.x/full

Gast: Fassungslose Frau
08.08.2012 19:51
1 0

Bitte sich erst zu informieren!

Zu der weitverbreiteten Meinung, dass durch eine Beschneidung "die Eichel unempfindlicher wird": Die männliche Vorhaut ist ein Organ von der Größe einer großen Karteikarte, sie hat einen inneren Teil und äußeren Teil und 20000 Nervenenden (zum Vergleich: die Klitoris hat 8000 Nervenenden). Sie hat mehrere Funktionen. Die bei sexueller Betätigung relevanten Nerven sind nicht in der Eichel selbst, welche eher unempfindlich ist, sondern in der Vorhaut zu finden. Für eine gelungene Erregungskurve inklusive Orgasmus beim Mann sind frenulares Delta, gefurchtes Band und Frenulum verantwortlich. Die ersteren beiden werden bei der Beschneidung komplett entfernt, das Frenulum meist auch, zumindest aber beschädigt. Eine Restsensorik bleibt nach der Beschneidung lediglich in der Beschneidungsnarbe selbst zurück. Um zu verstehen, was Neurologen und Anatomen über die Beschaffenheit der menschlichen Vorhaut berichten, muss frau, so glaube ich, an keinem Mann erst lang herumzupfen. http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/die-vorhaut/anatomie-der-vorhaut-und-ihre-sexuelle-funktion.html

Gast: beschwerer
06.08.2012 19:47
1 0

"Wer so tief glaubt...

...für den ist Panik eine angemessene Reaktion."
Soso: Wen so an Schas in Panik versetzt, gehört eher entmündigt, nicht?

Gast: der ehemalige Student1
06.08.2012 09:13
2 0

einer der besten

Beiträge zum Thema!

Antworten Gast: doloris
07.08.2012 17:24
1 0

Re: einer der besten

finde ich auch!

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