Meine Tochter mag Vanilleeis. Klar: Das mag jeder, außer mir vielleicht, aber bei Hannah geht die Vorliebe noch weiter, sie isst ausschließlich Vanilleeis, keine Schokolade und keine Erdbeere, keine Amarena-Kirsche und keine Brombeer-Buttermilch, sie bleibt Puristin – auch wenn Freunde sie belächeln und Eisverkäuferinnen ihr statt einer kleinen Tüte (zwei Kugeln) eine Kindertüte (eine Kugel) aushändigen: Wer verlangt schon, denken die Verkäuferinnen, nur eine Sorte, wenn er zwei haben kann?!
Aus Erfahrung ist Hannah klüger geworden, um Missverständnissen vorzubeugen, fordert sie kein kleines Vanilleeis mehr, sondern „zwei Kugeln Vanille, Vanille“, so wie „Schokolade, Stracciatella“ (Marlene) oder „Schokolade, Zitrone“ (ich) oder „Topfen, Baccio-ach-was-geben-Sie-mir-doch-drei-Kugeln“ (mein Mann). Das hat auch immer gut geklappt, bis vorgestern. Da feierte Hannah die Rückkehr ihrer Freundin Nora aus dem Italien-Urlaub mit dem Besuch einer Wiener Gelateria, aber die Bestellung ging schief.
„Mama“, sagt sie am Telefon: „Was soll ich machen, die hat mir Vanille, Mango gegeben?!“ – „Du musst es ihr halt sagen“, erkläre ich und laufe mit dem Handy aus dem Besprechungsraum: Die anderen sollen nicht mitbekommen, von welchen Bagatellen ich mich bei der Arbeit stören lasse, noch dazu, da Töchterl auch noch glatt von mir verlangt, ich soll am Apparat bleiben, während sie das Eis zurückgibt: zur Sicherheit, nur zur Sicherheit.
„Wer ist am Apparat?“ Und darum bekomme ich alles mit: Wie Hannah erklärt, dass sie die falsche Sorte bekommen hat. Wie die Verkäuferin behauptet, dass Hannah aber Vanille, Marille verlangt hätte. (Alles klar! Ein Verhörer – einmal mehr dem unverwüstlichen Glauben geschuldet, dass keiner nur eine Sorte bestellt, wenn er zwei haben kann!) Ich bekomme mit, wie Hannah erklärt, dass sie Marille gar nicht mag und wie die Verkäuferin mit den Achseln zuckt – wirklich, so heftig zuckt sie mit den Achseln, dass ich es durchs Handy hören kann. Da gibt Hannah auf und reicht ihr das Handy weiter. „Wer ist da dran?“ – „Meine Mutter.“
Zehn Sekunden später hat sie ihr Eis.
Aber mit Kindern kann man es ja machen, die kann man beiseite schieben, wenn sie in der Schlange stehen (weshalb ich Hannah und Marlene im Theater nicht mehr die Mäntel holen lasse, die brauchen an der Garderobe ewig!); die kann man anstänkern, wenn sie auf dem Gehsteig zu langsam sind oder zu schnell oder überhaupt vorhanden; die kann der Bademeister stundenlang darauf warten lassen, dass das Sprungbrett freigegeben wird, was aber erst passiert, wenn ein Erwachsener danach fragt.
Aber die Jugend, das wissen wir alle: Die Jugend legt ein schlechtes Benehmen an den Tag.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)















