Vergangene Woche ist Gurley Brown gestorben. Nein, ich habe sie vorher auch nicht gekannt, erst die Nachrufe haben mich neugierig gemacht: Das war eine ziemlich unerschrockene Frau. In den späten Fünfzigern erkämpfte sie sich in der Werbebranche einen Platz in der ersten Reihe (so wie Peggy Olson in der Serie „Mad Men“, angeblich war Gurley Brown das Vorbild für diese Figur). In den Zeiten größten Jungfräulichkeitstamtams verfasste sie einen Sexratgeber für Single-Frauen (es heißt, sie inspirierte damit „Sex and the City“). Als Chefredakteurin machte Gurley Brown aus der altbackenen „Cosmopolitan“ ein Glamour-Magazin – mit Tipps zum Oralverkehr statt mit Rezepten für den Sonntagsbraten. Bis zuletzt, da war sie 90, betreute sie die internationalen Ausgaben der Zeitschrift. Interessantes Leben, oder?
Vorbild oder nicht? Interessant waren aber auch die – vor allem von Frauen formulierten – Nachrufe. Sie versuchten, das Leben von Gurley Brown feministisch einzuordnen. Also: Gurley Brown riet Frauen zur finanziellen Unabhängigkeit – aber sie umsorgte ihren Mann „wie eine Geisha“. Sie war eine toughe Karrierefrau – aber sie hing einem absurden Schlankheitsideal an und taugt so nur bedingt als Vorbild. Überhaupt erfuhr man eine Menge Privates: Dass sie spät geheiratet hat. Dass sie keine Kinder wollte. Dass sie finanziell abgesichert war und trotzdem gearbeitet hat. Dass sie noch mit 70 Jahren Miniröcke trug, sich die Haare rot färbte, scharfe Mails formulierte, sich mehreren Schönheitsoperationen unterzog. Also: War Gurley Brown nun feministisch korrekt oder nicht?
Egal. Das heißt: Es sollte uns egal sein. Jahrhundertelang haben Männer darüber bestimmt, wie Frauen zu leben und was sie zu denken haben, da sollten wir nicht beginnen, es ihnen nachzutun.
Postscriptum. Zwei kleine Bemerkungen zur Studie, wonach eine Mehrheit der Frauen wieder traditionellen Rollenbilder anhänge. Erstens: Könnte es sein, dass die Frauen gar nicht so sehr an den heimischen Herd drängen, sondern dass sie sich in unsicheren Zeiten wie diesen vielmehr danach sehnen, finanziell so gut bestellt zu sein, dass sie nicht arbeiten gehen müssen? Zweitens: In meinem Bekanntenkreis sind insgesamt drei Männer in Karenz gegangen. Alle drei haben mir unabhängig voneinander versichert, sie wären gern länger beim Kind geblieben: Aber das liebe Geld... Wäre es möglich, dass es gar nicht um Männerbilder und Frauenbilder geht, sondern schlicht und einfach um die Tatsache, dass manchmal so eine Familie einfach der angenehmere Arbeitsplatz ist – und ein Baby der nettere Chef?
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)















