Wir haben zwei Katzen: Schnupp und Schnurr heißen sie. Nein, das war nicht meine Idee; nein, sie hören natürlich nicht auf ihre Namen; und ja: Ich verwechsle sie selbst manchmal, obwohl man die beiden eigentlich nicht verwechseln kann. Die eine ist zu dumm, um Türen zu öffnen, und dabei meine ich nicht geschlossene Türen, sondern angelehnte. Dafür hat sie diese Porzellankatzenpose drauf, samt elegant um die Pfoten geringeltem Schwanz. Von unseren Gästen wird sie vergöttert. Die andere hat einen Bauch, der ihr fast bis zu den Pfoten hängt. Dafür balanciert sie nicht am Rand der vollen Badewanne herum, bis sie ausrutscht und reinfällt und dabei meine Beine zerkratzt. Darum wird sie von mir vergöttert.
Fliegen fangen können sie übrigens beide nicht.
Nicht gegen den Strich!
Marlene war vier Jahre alt, als Schnupp und Schnurr in unseren Haushalt kamen. Sie hat die Katzen durch die Wohnung gejagt. Sie hat sie an den Pfoten hochgenommen und sie am Schwanz gezogen. Sie hat alles falsch gemacht, was man bei Katzen falsch machen kann, und das ist eine Menge. „Du darfst sie nicht beim Schlafen stören!“, hat Hannah gerufen, die schon größer war und vernünftiger. „Du sollst sie nicht gegen den Strich streicheln“, hat mein Mann erklärt und ihr geduldig gezeigt, wie man es richtig macht. „Lass endlich die Schnurr in Ruhe!“, habe ich gebrüllt und bin herbeigeeilt, um die Katze aus dem Puppenwagen zu befreien.
Nach dem ersten Besuch beim Tierarzt habe ich mit solchen Rettungsaktionen aufgehört. Nicht, weil mir der Arzt ins Gewissen geredet hätte, sondern, weil ich den Fehler gemacht habe zu glauben, ich könnte beide Katzen in eine einzige Transportbox stecken: Seither weiß ich, wie schwierig es ist, eine Katze zu fangen, die nicht gefangen werden will.
Mein schlechtes Gewissen
Jetzt ist Marlene neun und bereitet ein Referat über Katzen vor. In den Büchern ist viel darüber zu lesen, wie anmutig Katzen sich bewegen, wie unabhängig und individualistisch sie sind. Nichts steht davon drin, dass sie manchmal komisch aussehen, wenn sie etwa die Zunge aus dem Maul hängen lassen, und erst recht nichts ist von der Methode Marlene zu erfahren, der Katzenflüsterin, die sich Schnurr geschnappt hat, ob sie es wollte oder nicht, mit dem Ergebnis, dass sie ihr heute folgt wie ein Hündchen, am Morgen in ihr Bett kommt, um sie zu begrüßen und sich abends mit ihr niederlegt. Und so wäre alles eitel Wonne, hätte ich nicht ein schlechtes Gewissen: Denn da ist noch Hannah, die mir geglaubt hat und darum vernünftig war und die sich heute fragt, wie das alles sein kann, und das frage ich mich auch.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)















