Schul-Ranking

von Bettina Steiner (Die Presse)

In Großbritannien wird jährlich ein Schul-Ranking veröffentlicht. Das Ergebnis: Freunde streiten, Atheisten gehen in die Kirche, und Volksschüler brauchen Nachhilfe.

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Transparenz, Transparenz, Transparenz. Ist doch super, das Wort. Kann doch nicht falsch sein! Und deshalb klingt es auch so vernünftig, wenn manche fordern, die Ergebnisse der letzten Bildungsstandard-Tests sollten öffentlich gemacht werden – und zwar detailliert, als Ranking der einzelnen Schulen: Wir Eltern wollen schließlich wissen, wohin wir unsere Kinder schicken, wir wollen nicht mehr via Gemauschel in den Parks unsere Informationen zusammenklauben müssen.

Alle Nachhilfelehrer ausgebucht. Das habe ich auch gedacht. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher – und zwar, weil solche Rankings offenbar horrible Folgen haben können. Die Londoner „Times“ hat – kurz bevor die britischen Rankings veröffentlicht wurden – mit Eltern geredet, deren Kinder vor einem Schulwechsel stehen. Es ist ein wilder Kampf, der da um Plätze in den gut gereihten Schulen geführt wird: Atheisten gehen brav zur Kirche, um eine Empfehlung für die konfessionelle Schule zu erhalten. Kinder lernen Instrumente, die ins Schulorchester passen (exotischere Instrumente sind bei der Aufnahme von Vorteil, also: Fagott ja, Klavier: nein). Alte Freundschaften zerbrechen: Eine Mutter erzählte, dass sie sich nicht um Nachhilfelehrer (man beachte die Mehrzahl) für ihre Tochter gekümmert habe, weil die Kinder ihrer Nachbarn angeblich auch keine hatten, was sich aber als Lüge herausstellte. Wenige Monate vor dem Aufnahmetest waren dann alle Nachhilfelehrer schon ausgebucht. Die Tatsache, dass nur jene einen Platz in den „guten“ Schulen ergattern, deren Eltern Nachhilfelehrer zahlen können, hat in den Medien übrigens die Debatte entfacht, wie man die Aufnahmemodalitäten so verändern könnte, dass auch Kinder weniger wohlhabender Eltern eine Chance haben.

Studie zur Entspannung: In den USA hat man untersucht, wie sich Kinder entwickeln, die es auf Eliteschulen geschafft haben – im Vergleich zu jenen, die bei den Aufnahmetests knapp gescheitert sind und daraufhin eine „normale“ Schule besuchten. Ergebnis: Es gibt keinen Unterschied. Eliteschulen sind Eliteschulen, weil sie sich die Schüler aussuchen dürfen, aber die Kinder lernen nicht mehr, nur weil sie auf eine Eliteschule gehen.

Postskriptum. In Wien sind die Ergebnisse der Bildungsstandards besonders übel ausgefallen: Ein Viertel der Kinder verfehlte die Ziele komplett. Die geplanten „Maßnahmen“ der Stadtschulratspräsidentin: Statt den Unterricht zu verbessern, will sie die Schulen in Zukunft zu noch mehr Bildungstests verpflichten – die Ergebnisse sollen auch in die Noten einfließen. Klingt weniger nach Konzept denn nach Rache.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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2 Kommentare

Freie Bürger wollen frei entscheiden

in welche Schule, in welches Schulsystem sie ihre Kinder schicken. Die persönlichen Investitionen, wie Freizeit, Energie und Verzicht auf Annehmlichkeiten sind das Größte, das wir unseren Kindern bieten könnnen. Auch der Verzicht auf manch finanzielle persönliche Annehmlichkeit gehört dazu.

Voraussetzung für die freie Wahl der freien Bürger aber ist eine Vielfalt im Angebot der Schulsysteme. Eine Vielfalt im Angebot, die der Vielfalt unserer Kinder und den Vorstellungen der Eltern entspricht.

"die Kinder lernen nicht mehr, nur weil sie auf eine Eliteschule gehen"

natürlich nicht. zumindest nicht massgeblich. allerdings besteht der wesentliche vorteil des besuchs einer eliteschule/-uni ja wohl nicht im dort angeeigneten wissen (sondern vielmehr im abschlusszeugnis, im absolventenclub, im sozialkapital ...)

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