Sauklaue

von Bettina Steiner (Die Presse)

Der künftige US-Finanzminister hat eine Sauklaue. Grafologen schlagen Alarm. Aber wenn es nach denen geht, hätten meine Großeltern nie heiraten dürfen.

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Dies hier ist keine Dollarnote. Könnte es aber sein. Denn was Sie hier am Fuße der Kolumne sehen, ist die Unterschrift des künftigen US-Finanzministers. Sie bereitet den Amerikanern derzeit gleich doppelt Sorgen: Zum einen fürchten Medien, Amerika könnte sich vor der Welt lächerlich machen, wenn so ein kindisches Gekritzel („So habe ich früher Haare gemalt“, meint die Feuilletonsekretärin) auf den neu gedruckten Geldscheinen prangt.

Zum zweiten sind Grafologen alarmiert: Die Unterschrift sei mysteriös, sagen sie. Sie sei merkwürdig, erklären sie. Sie zeige, dass der Finanzminister nicht daran interessiert ist, zu kommunizieren, und dass er nicht mehr verraten will als nötig. Nur eine einzige Expertin entdeckte auch Positives: Jack Lew sei wohl „eher der kuschelige Typ“.


Misstrauen. Ich misstraue Grafologen, ganz existenziell: Ginge es nach ihnen, wäre ich nicht auf der Welt. Bevor mein Großvater meiner Großmama einen Antrag machte, ließ er ihre Handschrift begutachten. Das erschütternde Ergebnis: Meiner Großmama läuft man besser nicht über den Weg.

Mag sein, ihre Schrift war nicht die schönste. Ist meine auch nicht, Großmama hat mir nämlich gleichermaßen ihre Linkshändigkeit wie ihre Ungeduld vererbt, und wenn man dazu weiß, dass auf der Uni-Bibliothek früher Bücher regelrecht beantragt werden mussten und dass jeder Antrag drei Unterschriften verlangte...

Kurzum: Ich könnte punkto Unleserlichkeit dem künftigen US-Finanzminister Konkurrenz machen, auch wenn meine Unterschrift nicht knödelig-kabelig ausfällt, sondern eher spitz. Ein grafologisches Gutachten würde ich jedenfalls nie und nimmer bestehen, genauso wenig wie jener liebe Kollege, der seine Unterschrift auf ein bis drei Kreuze reduziert hat (je nachdem, ob er seine Titel auch anführen muss). Und genauso wenig wie mein Mann: Der unterschreibt so winzig, dass die Bank ihm fast die Eröffnung eines Kontos verweigert hätte: „So unterschreibt man nicht!“ – „Wer sagt das?“ Jetzt unterschreibt er noch kleiner.

In den USA hat sich die Lage inzwischen wieder beruhigt: Er habe zwar überlegt, ob er die Nominierung von Jack Lew als Finanzminister zurückziehen soll, meinte Obama: Aber nun habe der ihm versprochen, an seiner Unterschrift so lange zu arbeiten, bis zumindest ein Buchstabe lesbar ist.

Somit ist alles gut. Nur die Kinder von Jack Lew, so er welche hat, werden sich ärgern: Die neue Unterschrift wird schwerer zu fälschen sein.



bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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