Angefangen hat eine Journalistin des „Sterns“. Sie hat in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift über FDP-Spitzenkandidat Brüderle geschrieben, der ihr bei einem Gespräch in den Ausschnitt gestarrt und erklärt habe, sie würde „ein Dirndl auch ausfüllen“. Die junge Frau – 29 Jahre alt – konterte: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“
Wenn Frauen von sexuellen Übergriffen erzählen, dann meist auch davon, wie sie sich erfolgreich gewehrt haben: Da berichtet die Freundin von jenem Vorarbeiter, der sich von hinten über sie beugte, um sie zu betatschen und dem sie dafür den Ellbogen in den Magen rammte. Die ältere Bekannte erinnert sich an den Macho, mit dem sie das Büro geteilt hat: Den Kalender mit den nackten Frauen hängte er erst ab, als sie ihrerseits mit einem Gegenstück anrückte – einem aus Amsterdam importierten Schwulenkalender. Und ich selbst erzähle von jenem Kollegen, der mich – lang, lang ist's her – an den Handgelenken packte. Er hat es nie wieder gewagt.
Lieber schweigen. Die anderen Erlebnisse verschweige ich lieber, und ich werde hier nicht davon berichten. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich mich hätte wehren müssen – ja, auch wenn ich weiß, dass dem nicht so ist und für Übergriffe allein der Mann verantwortlich ist. Trotzdem bleibt das diffuse Gefühl, ich hätte irgendetwas tun müssen: Warum habe ich nicht schneller reagiert, warum war ich nicht schlagfertiger (im wörtlichen und übertragenen Sinn)? Warum hat er überhaupt gemeint, er könne das mit mir machen? Hat er geglaubt, ich sei schwach?
Niemand ist gern schwach.
Zum Glück gibt es Frauen, die sich jetzt trauen, darüber zu reden: Sie haben in Reaktion auf den Artikel ihrer „Stern“-Kollegin auf Twitter eine kleine Serie gestartet. Unter dem Schlagwort „Aufschrei“ berichten hunderte Frauen von ihren Erlebnissen. Von Turnlehrern, die angeblich „unterstützen“ und dabei den Schülerinnen an den Busen greifen. Von Patienten, die das Blutabnehmen als Aufforderung zum Grapschen verstehen. Vom Chef, der einer alleinerziehenden Mutter dauernd auf den Busen greift, weil er weiß, dass sie den Job braucht.
Verbale Übergriffe. Manche Übergriffe bleiben verbal – und sind kaum besser: „Der Bekannte der Eltern, der zu mir an meinem 16. Geburtstag gesagt hat: Na, jetzt wärst du ja so weit.“
Es sind triste Berichte, aber einen Hoffnungsschimmer gibt es: Es wird besser. Zumindest dort, wo die Belästiger nicht anonym sind, in der Schule, auf der Uni, am Arbeitsplatz. Denn sexuelle Belästigung hat wenig mit Sex zu tun und eine Menge mit Macht. Auch wenn die Männer nicht weniger „sexuell“ werden: Ihre Macht wird weniger.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)















