In der Mitte am Computer

von Bettina Steiner (Die Presse)

Im Zimmer links hustet meine Kleine, im Zimmer rechts ächzt meine Große, ich sitze in der Mitte am Computer und frage mich, ob diese Kolumne jemals fertig wird.

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Es ist der Tag der Matura. Ich sitze im Zeichensaal meines alten Gymnasiums, die Prüfer reichen mir die Fragen – und ich weiß nicht einmal, was sie von mir wollen: Sind das auf dem Blatt Formeln? Was wird hier überhaupt geprüft? Das ist der erste Traum, einen ähnlichen hat schon Freud beschrieben. Der zweite Traum geht so: Ich bin in der Redaktion und soll mit dem Artikel fertig werden, aber ich finde keinen Anfang. Immer näher rückt die Deadline, immer klarer wird, dass die Zeitung mit einem weißen Fleck erscheinen wird – bis der REM-Schlaf vorbei ist oder der Wecker läutet.

Ich habe noch nie erlebt, dass ich im Traum mit einem Artikel fertig geworden wäre.


Trost und Suppe.Diesen zweiten Traum – den lebe ich gerade. Denn heute ist Abgabetermin, und beide Kinder sind krank, angesteckt von meinem Mann, glaube ich zumindest: Irgendwer muss ja schuld sein, dass ich hier nicht weiter komme. Im linken Zimmer hustet und fiebert die Große, im rechten Zimmer hustet und fiebert die Kleine, ich sitze in der Mitte und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, was mir nicht gelingen will. Dauernd braucht irgendjemand irgendetwas: Tee (mein Mann), Hustensaft (Hannah), Kuscheleinheiten (Marlene), Taschentücher und Suppe und Trost (alle drei).

Und zweitens habe ich die Nacht des Horrors hinter mir: Hustensalve reihte sich an Hustensalve, kaum ist das eine Kind eingeschlafen, ist das nächste wach geworden. Ich habe Saft eingeflößt und Köpfe gekrault, Fenster aufgerissen („Ich brauche Luft!“) und wieder zugemacht („Mir ist kalt“), und ich dachte an jene Szene in „Homeland“, wo die CIA den Terroristen mit Heavy Metal am Schlafen hindert. Der hat es gut, denke ich: Heavy Metal erwartet wenigstens nicht, dass man ihn in den Schlaf krault. Heavy Metal ist nur nervig, nicht bedürftig.

Und bedürftig sind sie, als wären sie noch klein, unsere Großen: Hannah, 13, schaut im Fieber aus wie als Kleinkind, mit roten Lippen und verwuschelten Haaren. Marlene, 9, glaubt plötzlich wieder an meine Allmacht: „Tu was, Mama!“, sagt sie. „Hilf mir doch!“ Und da soll man arbeiten?


Geht doch! Freud hat lange überlegt, wie er den Prüfungstraum deuten soll, schließlich stand für ihn hinter jedem Traum eine Wunscherfüllung – und wieso sollte man sich, bitte sehr, in die Schule zurückwünschen? Ein Bekannter hat ihn dann darauf aufmerksam gemacht, dass man im Schlaf nur Prüfungen wiederholen muss, die man bestanden hat! Fächer, in denen man durchgefallen ist, kommen nie vor. Der Traum ist also kein Angsttraum, sondern ein Beruhigungstraum. Er soll uns sagen: Du hast es damals geschafft, dann wird morgen auch alles gut gehen. Und wie man sieht: Es stimmt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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