23.05.2013 20:54 Merkliste 0

Stoppt die Nostalgie!

von Bettina Steiner (Die Presse)

Alle reden über Schwedenbomben und eine Zeit, da man noch "DKT" spielte. Stoppt die Nostalgie! Und Schwedenbomben schmecken grausig.

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Ach die schöne Kinderzeit, ach die schlimme Jugend heut, früher war doch alles besser: Zum Geburtstag gab's Schwedenbomben und zur Jause Negerbrot, das noch so heißen durfte, damals, als das Gras und die Frösche noch grün und die Winter weiß waren, als die Kinder noch durch Wald und Flur tollten und sich über die Socken zu Weihnachten freuten – okay, jetzt übertreibe ich: Die Socken gehörten zur guten alten Zeit ein, zwei Generation früher, die hatten sogar noch die Prügelstrafe.


Hühnereigelbpulver.
So verklären wir unsere Kindheit und Jugend, weil damals noch alles vor uns lag, weil Träume damals noch Träume waren und noch keine Ziele. Wann habt ihr, liebe Facebook-Aktivisten, die ihr auf der „Rettet die Niemetz-Schwedenbomben“-Seite den Like-Button angeklickt habt, zum letzten Mal eine gekostet? Klebt am Gaumen und schmeckt genau so, wie es auf der Packung steht, nach Hühnereigelbpulver, Glukosesirup und teilweise gehärtetem Pflanzenfett. Und der Wald? Ja, der Wald: Direkt vor der Haustüre lag er, keine fünf Minuten mit dem Rad entfernt, doch ich betrat ihn erst, als ich verliebt war (um zu küssen, und später, um den Liebeskummer in die Baumrinden zu rotzen). Gespielt haben wir lieber zwischen Autos und auf einem Spielplatz, der mit Waschbeton ausgestattet war, so wie viele Spielplätze damals.

Und wenn jetzt einer sagt, dass wir damals schließlich auch groß geworden sind, ohne Ö-Norm-Schaukel und Rindenmulch und Fahrradhelme, dann erzähle ich ihm gern, wie ich im Alter von fünf Jahren von der Rutsche fiel: Der Arm war durch, ein komplizierter Bruch, meine Eltern setzten Himmel und Hölle in Bewegung, damit mich der Kapazunder operiere. Beweglich ist das Gelenk dank Mama, dank Papa – nicht dank der Zeit.

Altkluge Aufsätze. Was damals besser war: die Rechtschreibung der Kinder. Was schlechter war: ihre Aufsätze. Sie waren fad und altklug und normiert. Die Winter waren wirklich weißer, dafür gibt es heute Snowboards. Und dann möchte ich gern noch wissen, was an „DKT“ so viel toller sein soll als an „Super Mario“. Das vor der Playstation vereinsamende Kind ist ein Mythos: Auch Playstation und Nintendo spielt man am besten zu mehrt.

Also vergesst die Schwedenbomben und auch das Negerbrot, schreibt neue Kinderbücher, schaut Cros „Einmal um die Welt“ auf YouTube an und verdreht dabei nicht gleich die Augen. Die Jungen machen ihres, wir hatten unseres. Wir sind jetzt erwachsen.

Und wer wirklich gar nix daran genießen kann, der tröste sich mit einem: Wenigstens kommen einem die Monate bis zum nächsten Urlaub nicht mehr so lange vor.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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1 Kommentare
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Fazit:

Erinnerungen, Fortschrittsglaube und Geschmäcker entbehren nicht einer subjektiv gefärbten Komponente? Na dann ...

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