Neulich bin ich mit Marlene durch den Rudolfspark gegangen. Das heißt: Eigentlich gehen wir jeden Tag durch den Rudolfspark, er liegt nämlich am Weg zum Kindergarten. Und jeden Tag freuen wir uns, wenn wieder etwas blüht: Erst der Ringlotten-Baum. Dann die Zierkirsche. Der Flieder. Und der Strauch, dessen Namen ich nicht kenne, obwohl ich unter so einem Strauch meinen ersten Kuss bekommen habe.
Egal: Jetzt ist jedenfalls der Löwenzahn dran. Lauter gelbe Tupfen in der Wiese und dazwischen weiße Kugeln, das ist der Löwenzahn im Stadium der Pusteblume. Marlene liebt Pusteblumen. „Darf man die pflücken?“, fragt sie. „Ja, die darf man pflücken“, sage ich. Und dann sage ich noch: „Du darfst in die Wiese gehen!“
Marlene schaute mich ungläubig an. In die Wiese gehen durfte sie hier noch nie! Nie, nie und nochmals nie! Nicht, weil es verboten wäre. Sondern weil der Rudolfspark als Hundeklo bekannt ist. Hundeklo heißt: Ein Hundstrümmerl pro Quadratmeter (und das ist das Minimum!). Hundeklo heißt, dass man im Sommer die Luft anhalten muss, wenn man vorbeigeht. Hundeklo heißt, dass ich mit mir ringen muss: Soll ich den Kerl, der seine Dogge in die Tulpen sch... lässt, darauf ansprechen? Soll ich der alten Dame mit dem Pudel ein Sackerl anbieten? Oder bleib' ich feig und sage nichts, was mir viel eher liegt?
Aber jetzt ist alles anders. Seit zirka zwei Monaten herrscht im Park Hundeverbot. Und obwohl sich keiner vorstellen hat können, dass ein kleines Gatter mit einer Inschrift darauf groß etwas ändert, haben sich die Hundebesitzer mit ihren Tieren nach und nach auf die nahe Hundewiese verzogen.
Jetzt sieht man wieder das Gras. Jetzt sage ich zu meiner Tochter: Geh doch in die Wiese – und sie geht, erst vorsichtig, dann immer mutiger. Sechs Pusteblumen hat sie schon, jetzt kommt die siebente. Sie kann sie kaum mehr halten! Darum ist sie jetzt der Wind und als Wind dreht sie sich ganz schnell und immer schneller, aber das bringt nicht viel, die Schirmchen sind hartnäckig. Darum kommt sie zu mir und wir pusten gemeinsam. Quer segeln die Schirmchen über die Wiese. Es wird ein schöner Sommer. Und im Herbst? Holen wir uns ein paar Hagebutten vom Rosenstrauch.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2008)

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