Am Herd

Echte Wiener

Marlene spricht seit Kurzem ein bisschen Wienerisch. Woran das liegt: an ihren neuen Freunden aus Simmering. Dort wohnen offenbar noch echte Wiener.

„Heisl“ klingt viel hübscher als „Klo“
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„Heisl“ klingt viel hübscher als „Klo“
„Heisl“ klingt viel hübscher als „Klo“. – (c) imago/Action Pictures (imago stock&people)

Ich habe einen Verdacht. Ich glaube, Marlene sucht sich ihre Freunde danach aus, wo sie wohnen. Also in welcher Gegend. Kriterium Nummer eins: möglichst weit weg von zu Hause, so weit weg, dass am späteren Abend und am Wochenende die öffentlichen Verkehrsmittel nur sehr, sehr sporadisch fahren, weshalb sie vernünftigerweise gleich dort übernachtet. Kriterium Nummer zwei: Ihre Mutter, die tirolerisch-vorarlbergerische Wahlwienerin, darf noch nie einen Fuß dorthin gesetzt haben. Unberührter Boden quasi. Woher sie weiß, dass ich noch nicht dort war? Teenager halt, die haben für so etwas einen sechsten Sinn.

Darum pendelt Marlene also jedes Wochenende nach Klosterneuburg oder Simmering. Der Unterschied ist mehr als deutlich hörbar: Ihre Freunde in Klosterneuburg sagen „Tomate“ und „Kartoffel“ und niemals „Stanitzel“. Also genau wie mein Mann und ich, wie die meisten Menschen eigentlich, die ich hier kennengelernt habe. Meiner Wahrnehmung nach besteht Wien vor allem aus Zugezogenen, die eine Art Vorarlsalzsteirisch oder Tirolberglandisch reden, und die Tomate gehört da dazu. Was den Wiener Dialekt betrifft, so halte ich ihn für eine Kunstsprache, die von H. C. Artmann und Wolfgang Ambros beim Heurigen erfunden wurde. Ich habe jedenfalls noch nie jemanden getroffen, der im echten Leben einen Satz mit „Heast“ begonnen hätte.


„Oag nice!“ Vielleicht ist aber auch alles ganz anders, und die Wiener haben sich einfach nur völlig abgeschottet und leben in einer Art Paradeiser-Parallelgesellschaft. Und jetzt komme ich endlich zu Simmering: Es könnte sein, dass diese Parallelgesellschaft sich dorthin zurückgezogen hat. Immer öfter finden sich nämlich, wenn Marlene von einem ihrer Tripps in die elternfreie Peripherie zu uns zurückkommt, neue Vokabeln in ihrem Wortschatz. „Oag“ zum Beispiel, ein sehr vielseitiges Adjektiv, das mit „arg“ höchst unzulänglich übersetzt ist. Vor allem die Kombination „oag nice“ („total nett“) hat Charme.

Marlene hat mich außerdem davon überzeugt, dass „Paradeiser“ viel schöner klingt als „Tomate“. Und „Heisl“ viel hübscher als „Klo“. Dagegen findet sie „Erdäpfel“ plump – und kann sich darüber erregen, dass ihre Simmeringer Freunde von „einem Erdäpfel“ sprechen. Mehrzahl ist Mehrzahl, und Einzahl ist Einzahl, wo komme man denn da hin! „Kartoffel dagegen“, schwärmt sie. „Hör dir das nur an: Kartoffel!“

Marlenes Schwesters ist vor ein paar Jahren durch Georg Danzer mit Wienerisch in Berührung gekommen – ein Nachbar, der übrigens Jürgen heißt, hat geduldig übersetzt. Danke, Jürgen! Ihr passiver Wortschatz ist, glaube ich, okay.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2017)

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