Nein, es geht beim Erben nie nur ums Geld

Wer hat was entbehrt? Wer was verdient? Wurde denn die Liebe unter den Kindern gerecht verteilt?

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Themenbild: Erben – (c) Clemens Fabry

Wenn wir erben, sind wir hoffentlich erwachsen. Wenn wir großes Glück haben, sogar schon alt. Was wollen wir denn machen mit dem, was uns plötzlich zufällt? Von dem wir glauben, dass es uns zusteht: Es hilft uns vielleicht über eine Durststrecke. Wir erfüllen uns einen lang gehegten Wunsch. Wir bewahren, was unsere Eltern hatten, das Sommerhaus mit den vielen Erinnerungen und dem alten Ahorn. Das ist ein Trost für manche. Für andere nicht. Vielleicht streiten wir. Vielleicht sogar heftig.

Denn wenn es ums Erben geht, geht es nie nur ums Erbe: Es geht um die Mutter, die der älteren Tochter Geigenstunden gezahlt hat, aber als die jüngere Klavier lernen wollte, hieß es: Du bist doch gar nicht musikalisch. Um den Bruder, der in die Stadt gezogen ist, und den anderen Bruder, der ums Eck von den Eltern gebaut hat und sich um sie gekümmert hat, bis zuletzt. Um die vielen Stunden Babysitten einerseits und die vielen Stunden Pflege andererseits. Um Neid. Warum hat er? Warum ich nicht? Da gab es einsame Stunden, da fehlte eine Umarmung, da kommt die Wut hoch, die man nie ausdrücken konnte. Nicht jetzt. Jetzt nicht. Wann dann? Bis es zu spät war.

Jetzt sollen mit dem Testament alte Rechnungen beglichen werden. Wer hat was entbehrt? Was verdient? Es geht um Liebe, die sich plötzlich nur mehr in Geld ausdrücken kann, denn jener, der diese Liebe geben könnte, ist tot. Endgültig. Er kann auch diesen Streit nicht mehr schlichten.

Lebenswerke

Anders herum: Warum ist es uns eigentlich so wichtig, unseren Kindern etwas zu hinterlassen? Warum horten wir, warum sparen wir für die Zeit nach unserem Tod? Geht es um die Kinder? Oder um uns selbst? Reicht denn nicht, was sie selbst erworben haben? Vielleicht wollen wir zeigen, was wir geschafft haben. Die Kinder beschützen! Aber weil die Welt gefährlich ist und das Schicksal unberechenbar, kann des Schutzes nie genug sein. Wir wollen, dass etwas bleibt. Von uns. Von dem, was wir vermochten, von dem, was uns wichtig war. Das Geld, das wir vererben, soll zeigen: Wir waren gute Eltern. Zumindest zum Schluss.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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