Kreisch, kreisch, kreisch! Hüpf, hüpf, hüpf. Kreisch, kreisch, kreisch. Als Hannah von ihrem ersten Tag im Gymnasium nach Hause gekommen ist, habe ich sie gefragt, wie es ihr gefallen hat. Eh gut, hat sie gemeint, eh okay, Schule halt. Sie verstehe nur eines nicht: Diese Mädchen, die sich an den Händen fassen, im Kreis hüpfen und schrille Töne ausstoßen: „Warum machen die das?“
Ich hatte darauf keine Antwort. War auch nicht nötig. Die Sache klärte sich in den folgenden Monaten von selbst auf: Töchterlein durfte nämlich länger aufbleiben und im Fernsehen „Hannah Montana“ sehen, eine Teenie-Serie rund um einen Popstar, der versucht, ein Girl Next Door zu bleiben, was auch gelingt: Weil Hannah Montana so ehrliche und loyale Freunde hat, so liebevolle und doch konsequente Eltern – und Geschwister, die zwar nerven, aber irgendwie doch okay sind.
Der übliche Plot einer Folge geht so: Hannah Montana streitet mit ihrem Bruder, weil der so kindisch ist und anderen Pupskissen unter den Hintern legt. Doch plötzlich wirkt er ganz vernünftig, fast zu vernünftig, ja so vernünftig, dass sie sich ihren alten Bruder zurückwünscht! Natürlich war das alles ein Trick, eingefädelt vom schlauen Papa mit den unorthodoxen Erziehungsmethoden. „Ach“, sagt Hannah Montana, „jetzt habe ich gelernt: Ich liebe dich so, wie du bist!“ Knuddel.
Vorbild US-Krimis. „Kreisch!! Doppelkreisch!!“, rufe ich. Wobei das auf die falsche Fährte führt, es kreischen ja nicht die Eltern, sondern die Kinder und das nicht aus Entsetzen, sondern aus Begeisterung! Genauso wie Hannah Montana und ihre Freunde dauernd. Die Mädchen im Schulhof machen es also einfach nach, so ähnlich wie die Polizisten, die zu viele US-Krimis gesehen haben und den Verhafteten beim Einsteigen ins Polizeiauto den Kopf runterdrücken, damit sie sich nicht anhauen.
Aber ich will nicht lästern. Ist doch super, wenn sich die Kinder einmal am Tag – und das auch noch freiwillig – eine ordentliche Dosis Moral abholen. Das funktioniert so ähnlich wie in früheren Lebensjahren mit den Märchen, die den Kindern auch erklären, dass man nicht vom Weg abkommen und keine fremden Äpfel essen soll und seine Versprechen halten muss. Nur sind Teenie-Serien weniger brutal.
Und jetzt wünsche ich mir eine Folge, in der Hannah Montana einen Song auf eine Serviette geschrieben hat, die aber rettungslos in jenem Durcheinander von Comics, Socken, Zuckerlpapier und Hausaufgabenheften verschollen ist, den sie „Zimmer“ nennt. „Das wird mir nie mehr passieren“, sagt Hannah Montana: „Ich räume auf!“
Bitte, ihr lieben Disney-Leute. Eine dankbare Mutter.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2011)















