brandheiss und höchst persönlich
Neuerdings sind wir eine vegetarische Familie. Mein Mann hat ja immer vermutet, dass das so kommen würde, allerdings hat er sich erstens im Zeitpunkt getäuscht (wir sind ein paar Jahre zu spät dran) und zweitens in der Begründung: Nein, nicht das zarte und mitfühlende Wesen unserer älteren Tochter Hannah ist dafür verantwortlich, dass keine Produkte von Schwein, Rind und Kumpanen auf unseren Tisch kommen. In puncto Konsum ist sie nämlich abgebrüht wie eine Weißwurst.
Schuld am neuen Vegetarismus meiner Familie ist die Fleischverkäuferin meines Vertrauens.
Wie sind die Schweinsmedaillons? Sie ist eine überaus nette Person. Und ich weiß alles von ihr: Sie hat zwei Kinder, die schon lange aus dem Haus sind, allerdings noch keine Enkelkinder. Leider. Ihr Mann ist 57 und in Frühpension, weil irgendetwas mit seinem Knie ist. Bei ihr ist auch etwas mit dem Knie, sie ist aber der Überzeugung, dass das vorbeigeht, wenn sie nur hartnäckig genug einen Bogen um jeden Arzt macht – und stattdessen allen anderen von ihren Schmerzen erzählt. Unter anderem mir, weil ich ebenfalls nett bin und sie auch immer wieder gefragt habe: Wie es den Kindern geht und dem Mann und dem Knie, wann sie auf Urlaub fährt oder auf Kur und ob die Schweinsmedaillons eh gut sind.
Irgendwann haben die Geschichten allerdings begonnen, sich zu wiederholen, verständlich, wie soll man sich als Verkäuferin auch erinnern, welcher Kundschaft man nun genau was schon erzählt hat; mir wurde das jedenfalls zu langweilig und ich habe aufgehört zu fragen. Das Problem: Sie hat nicht aufgehört zu erzählen! Je weniger ich gefragt habe, desto mehr hat sie erzählt, immer intimer wurden die Details, immer unfähiger ihr Mann, immer undankbarer die Kinder, immer schmerzender das Knie.
Diese Nebelsuppe! Diese Kälte! Da habe ich zurückgejammert. Einen regelrechten Jammerwettbewerb haben wir veranstaltet, meine stechende Schulter gegen ihr brennendes Knie; die Deponie schmutziger Socken im Zimmer meiner Kinder gegen die Unfähigkeit ihres Mannes, Gurken von Zucchini zu unterscheiden; mein Hass auf Kälte gegen ihr Leiden an der Zugluft; meine Nebelsuppe gegen ihre immer kürzer werdenden Tage. So ging das ein paar Wochen.
Dann bin ich mir selbst so auf die Nerven gegangen, dass ich seither um die Metzgerei einen Bogen mache. Nachdem es aber die einzige Metzgerei ist, die auf meinem Nachhauseweg liegt, hat meine Familie aufgehört, Fleisch zu essen. Ich koche Kartoffeln mit Spinat und Spiegelei. Und Eiernockerln. Und Nudeln mit Allerlei. Und gefüllte Melanzani. Sehr gesund. Besonders gesund.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com DiePresse.com/amherd
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2011)















