Neuerdings denke ich wieder öfter an meine Großmama. Meine Großmama ist vor einem Jahr gestorben, wobei gestorben vielleicht nicht das richtige Wort ist: Vor einem Jahr ist sie immer weniger und weniger geworden und war dann irgendwann ganz weg. Und weil ich Atheistin bin, ist sie für mich wirklich weg, obwohl es tröstlich wäre anzunehmen, sie blicke auf uns herunter und freue sich über Hannah und lache über Marlene. Ich denke ja, dass Marlene nach ihr gerät: die gleiche Nase mit der breiten Nasenwurzel, die gleichen weit auseinanderstehenden Augen, das gleiche klare Gesicht. Und kann Marlene nicht stundenlang Puzzles legen und dabei Kassetten hören, so wie ihre Urgroßmama Tage über Tage allein in der Wohnung verbracht hat, zufrieden mit einem Kreuzworträtsel und dem Radio?
Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht bilde ich mir das ein, so wie ich mir eingebildet habe, ich selbst würde nach meiner Großmama schlagen: Ich fand sie nämlich cool. Als Kind, entnahm ich ihren Erzählungen, war sie wild und unerschrocken, keine brave Schülerin, keine folgsame Tochter, sondern eine, die man zur Strafe in den finsteren Keller sperrte (was meiner Großmutter egal war: Sie hat sich nicht gefürchtet!). Heute würde man so ein Kind aufgeweckt nennen, damals galt sie nur als trotzig.
Sie war zur falschen Zeit Kind.
Punkt zwölf war das Essen auf dem Tisch. Als junge Frau ist sie für kurze Zeit der Tiroler Enge entkommen: Sie hat als Au-pair und als Gesellschaftsdame in Italien gelebt und in Ungarn und Frankreich, ja fast wäre sie bis auf die Philippinen gekommen. Sie hatte das Angebot, dort als Lehrerin zu arbeiten, aber daraus wurde nichts: Die Eltern waren dagegen. Damals war klar, dass man den Eltern zu folgen hat, auch wenn man über 20 war.
Sie war zur falschen Zeit jung.
Zurück in Tirol, hat sie sich in meinen Großvater verliebt. Er war so klug und hatte eine so schöne Stimme! Glücklich ist sie nicht geworden: Er hat gearbeitet, ist mit seinen (Berufs-)Freunden im Café gesessen und hat erwartet, dass Punkt zwölf das Essen auf dem Tisch steht: Suppe, Hauptspeise, Dessert. Beim Essen hat er Nachrichten gehört. Geredet hat er nicht mir ihr, sagt sie. „Ich habe von seiner Klugheit gar nichts gehabt!“ Sie hätte sich wohl scheiden lassen, wäre das möglich gewesen.
Sie war zur falschen Zeit Ehefrau und Mutter.
Wenigstens war sie zur richtigen Zeit alt: Sie bekam eine stolze Pension, und als sie fand, es sei Zeit, zog sie in eine hübsche Seniorenresidenz, ein paar Gehminuten entfernt von ihrem Enkel Matthias. Die moderne Medizin war weit genug, ihr das Alter zu erleichtern, und auch weit genug, sie gehen zu lassen. Sie lebte 98 Jahre.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)















