Auf meinem Tisch landete neulich ein Büchlein von Ministerin Claudia Schmied. Lila Einband, 136 Seiten stark, mit einem wolkig klingenden Titel: „Wo vieles entsteht“ stand drauf – und ich überlegte ein bisschen hin und ein bisschen her, was das bedeuten könnte: Wo befindet sich dieses „wo“? Was bedeutet dieses „vieles“? Ist es überhaupt gut, dass es „entsteht“?
Ich hasse Titel, die so tun, als kämen sie direkt aus dem Philosophieseminar!
In dem Fall ging es aber nicht um Philosophie, sondern um Politik: Claudia Schmied hat ihre Reden gesammelt und die besten davon ausgewählt, (oder hat sie sammeln lassen und auswählen lassen, vielleicht sogar schreiben lassen, was nicht unüblich wäre). Jedenfalls wurde die Publikation mit „privaten Mitteln“ finanziert, aber bevor ich mich in der Überlegung verlieren konnte, wer für so etwas Geld hergibt und ob er das aus Verbundenheit tut oder aus Berechnung oder ob Schmied sich das Buch gar selbst geschenkt hat, bevor ich also nachzugrübeln begann, warf ich einen Blick hinein.
„Bücher sind eine großartige Errungenschaft.“ Jetzt gibt es wirklich bedeutsame Reden: Catos „Ceterum censeo“ etwa oder Luthers „Gott helfe mir“, Churchills „Blut, Schweiß und Tränen“ und Martin Luther Kings „Traum“, es gibt Kennedy und Brandt und natürlich Thomas Bernhard: „Vor dem Tod ist alles lächerlich“.
Und dann gibt es Reden wie die von Claudia Schmied. Sie werden zur Eröffnung von Symposien gehalten und anlässlich von Preisverleihungen, bei Schulfeiern und Jandl-Tagen. Sie beginnen mit „Sehr geehrte“ oder „Herzlich willkommen“ und enden mit „Ich wünsche Ihnen“ oder „Es ist mir eine Freude“. Dazwischen findet man so einige Stilblüten (Schätze aus der Tiefe, die „fruchtbar“ gemacht werden müssen) und etliche Plattitüden: Bücher sind „eine großartige kulturelle Errungenschaft“, Lehrer sind „Vorbilder für ihre Schülerinnen und Schüler“ – und eine Gesellschaft braucht „Räume, in denen Kunst sich entwickelt“. Das sind Gebrauchstexte. So verlangt es eben das Tagesgeschäft einer Politikerin. Aber wieso werden sie gedruckt?
Endstation Papierkorb. Weil Claudia Schmied offenbar den Kontakt zur Realität verloren hat. Damit ist sie nicht allein: Christian Wulff meint vermutlich tatsächlich, das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ inkludiere nicht nur nachbarliche Hilfe beim Ikea-Kästen-Montieren, sondern auch die günstige Finanzierung von Eigenheimen. Gut möglich, dass Niko Pelinka glaubt, er habe sich den Job als Büroleiter im ORF wirklich verdient und dass Grasser sich „supersauber“ fühlt, obwohl er Steuern zu zahlen „vergessen“ hat. Und Claudia Schmied nimmt offenbar an, Leser zögen aus der Lektüre ihrer Reden irgendeine Art von Erkenntnisgewinn.
Fünf Exemplare – hab ich gesehen! – sind jedenfalls schon im Papierkorb gelandet.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)















