25.05.2012 14:46 | Meine Presse Merkliste 0

Fühlt Wulff sich im Recht?

von Bettina Steiner (Die Presse)

Glaubt Grasser wirklich, er sei supersauber? Und meint Claudia Schmied, irgendwer würde einen Band mit ihren "ausgewählten Reden" lesen?

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Auf meinem Tisch landete neulich ein Büchlein von Ministerin Claudia Schmied. Lila Einband, 136 Seiten stark, mit einem wolkig klingenden Titel: „Wo vieles entsteht“ stand drauf – und ich überlegte ein bisschen hin und ein bisschen her, was das bedeuten könnte: Wo befindet sich dieses „wo“? Was bedeutet dieses „vieles“? Ist es überhaupt gut, dass es „entsteht“?

Ich hasse Titel, die so tun, als kämen sie direkt aus dem Philosophieseminar!

In dem Fall ging es aber nicht um Philosophie, sondern um Politik: Claudia Schmied hat ihre Reden gesammelt und die besten davon ausgewählt, (oder hat sie sammeln lassen und auswählen lassen, vielleicht sogar schreiben lassen, was nicht unüblich wäre). Jedenfalls wurde die Publikation mit „privaten Mitteln“ finanziert, aber bevor ich mich in der Überlegung verlieren konnte, wer für so etwas Geld hergibt und ob er das aus Verbundenheit tut oder aus Berechnung oder ob Schmied sich das Buch gar selbst geschenkt hat, bevor ich also nachzugrübeln begann, warf ich einen Blick hinein.

„Bücher sind eine großartige Errungenschaft.“ Jetzt gibt es wirklich bedeutsame Reden: Catos „Ceterum censeo“ etwa oder Luthers „Gott helfe mir“, Churchills „Blut, Schweiß und Tränen“ und Martin Luther Kings „Traum“, es gibt Kennedy und Brandt und natürlich Thomas Bernhard: „Vor dem Tod ist alles lächerlich“.

Und dann gibt es Reden wie die von Claudia Schmied. Sie werden zur Eröffnung von Symposien gehalten und anlässlich von Preisverleihungen, bei Schulfeiern und Jandl-Tagen. Sie beginnen mit „Sehr geehrte“ oder „Herzlich willkommen“ und enden mit „Ich wünsche Ihnen“ oder „Es ist mir eine Freude“. Dazwischen findet man so einige Stilblüten (Schätze aus der Tiefe, die „fruchtbar“ gemacht werden müssen) und etliche Plattitüden: Bücher sind „eine großartige kulturelle Errungenschaft“, Lehrer sind „Vorbilder für ihre Schülerinnen und Schüler“ – und eine Gesellschaft braucht „Räume, in denen Kunst sich entwickelt“. Das sind Gebrauchstexte. So verlangt es eben das Tagesgeschäft einer Politikerin. Aber wieso werden sie gedruckt?


Endstation Papierkorb. Weil Claudia Schmied offenbar den Kontakt zur Realität verloren hat. Damit ist sie nicht allein: Christian Wulff meint vermutlich tatsächlich, das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ inkludiere nicht nur nachbarliche Hilfe beim Ikea-Kästen-Montieren, sondern auch die günstige Finanzierung von Eigenheimen. Gut möglich, dass Niko Pelinka glaubt, er habe sich den Job als Büroleiter im ORF wirklich verdient und dass Grasser sich „supersauber“ fühlt, obwohl er Steuern zu zahlen „vergessen“ hat. Und Claudia Schmied nimmt offenbar an, Leser zögen aus der Lektüre ihrer Reden irgendeine Art von Erkenntnisgewinn.

Fünf Exemplare – hab ich gesehen! – sind jedenfalls schon im Papierkorb gelandet.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2012)

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6 Kommentare
Gast: Geheimrat
10.01.2012 12:22
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Bei allem Respekt

den ein Untertan der Obrigkeit schuldet, aber die Symptome sprechen eine leider eindeutige Sprache - die Frau hat den Verstand verloren...

Gast: bartleby der schreiber
09.01.2012 19:14
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und ich spende...

und ich spende noch das vom ex-vizekanzler gorbach verfasste englisch-dictionary "vorarlbergisch-englisch".
und einen kleinen band alfred gusenbauers fand ich auch weit hinten in meiner bibliothek:
"diverse geschmacksrichtungen der böden von moskauer flughäfen" plus erweiterungsheft "astana airport".

Gast: tom green
08.01.2012 22:46
0 0

bitte die bücher...

bitte die bücher wieder aus den papierkörben herausholen!
denn das sind doch schätze aus der tiefe, die fruchtbar gemacht werden müssen...
ich hätte übrigens gerne eines der gebundenen ergüsse der frau minister.
sie bekommen einen ehrenplatz gleich neben dem wichtigen buch von wolfgang schüssel über die erfolge seiner regierung. und den ges(t)ammelten reden (bände I-IV) von herbert haupt.dem älteren.
ich habe auch noch das grossartige alfred -gusenbauer - werk "die europäische union unter der politischen leitung von jose manuel durao barolo" und seinen prachtband "die neuen demokratien zwischen baku und bischkek" - will diese zeitlosen perlen der poesie jemand erwerben? nur ernstgemeinte anfragen an die redaktion der presse.

Gast: kustos302026
08.01.2012 13:47
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Bücher in den Papierkorb

Ich hoffe, der Papierkorb ist wirklich ein solcher und wenigstens das Papier kann einer (Wieder)Verwertung zugeführt werden.
Vor Jahren wurden Lehrer mit einer CD "beglückt". Die meisten landeten im Mistkübel. - Ich habe sie gesammelt (ca. 100 Stück) und einem Kinergarten zukommen lassen. Dort konnten mit den schimmernden Scheiben Mobiles gebastelt werden, die den Kindern viel Freude bereiteten.

Martin_01
08.01.2012 10:07
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Danke!


Endlich findet sich in der "Presse" ein geistreicher, amüsant zu lesender, sinnvoller Artikel!

ML85
08.01.2012 08:37
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Popanz

Joachim Riedel hat am 5. Jänner 2012 in der "Zeit" über den ORF geschrieben:
"Dem Programm kommt bald nur mehr Alibifunktion zu, um die Existenz des Senders notdürftig zu rechtfertigen. Er existiert aber lediglich deshalb in all seiner Agonie weiter, weil jeder Popanz, dem ein Mandat oder ein Amt zugefallen ist, fest daran glaubt, er wäre ein bedeutender Mensch, bloß weil er ein paar Mal im Fernsehen auftauchen darf."
Sie formulieren es witziger. Vielen Dank, Frau Mag. Steiner.

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