Diesmal war ich begriffsstutzig. Sogar ziemlich. „Dolly Buster?“, fragte ich: „Warum reden plötzlich alle über Dolly Buster?“ – „Ja, hast du das nicht mitgekriegt? Die tritt im ORF bei Dancing Stars auf!“ – „Ja, und?“ – „Sie ist ein ehemaliger Por-no-star!!!“ – „Aber die ist doch eh dauernd im Fernsehen.“ – „Dancing Stars ist aber eine Fa-mi-li-en-sen-dung!!!“
Ach so.
Verstanden. Das heißt aber nicht, dass ich die Aufregung berechtigt finde. Denn wenn es wirklich darum geht, dass am Freitagabend auch Kinder vor dem Fernseher sitzen – was glauben denn die Bedenkenträger, was passiert? Befürchten sie, dass Dolly Buster zu „Je t'aime... moi non plus“ einen Orgasmus mimt? Dass die Kinder nach der Sendung den Namen googeln und so vom rechten Weg abkommen? Oder dass Achtjährige zwischen Tango und Cha-Cha-Cha peinliche Fragen stellen? „Mama, was macht die blonde Frau da eigentlich beruflich?“ Erstens ist die Fixierung auf Berufe ein Erwachsenenphänomen. (Ich: „Was machen denn die Eltern von der Sarah?“ – Marlene, schulterzuckend: „Keine Ahnung“.) Zweitens: Wer alt genug ist, sich für Gesellschaftstänze zu interessieren, ist auch alt genug, zu wissen, was eine Pornodarstellerin macht. Der Schock ist dann auch viel kleiner, wenn das Kind sich beim nächsten Urlaub im Hotel mit der Fernbedienung vertut.
Und was ist mit dem Vater? Themawechsel. Oder doch kein Themawechsel. Denn irgendwie gehören die Begriffe Mutter und Hure (bzw. Mutter und Pornodarstellerin) ja doch zusammen: Jeder glaubt, genau zu wissen, wo ihr Platz ist. Die eine gehört versteckt, die andere zu ihrem Kind. Darum – und zwar wirklich darum, und nicht, weil irgendwer mit der Frau Mitleid hat – war der Aufschrei groß, als die mutmaßliche Doppelmörderin Estibaliz C. unmittelbar nach der Geburt von ihrem Baby getrennt wurde.
Unerhört! So ein Baby kann man doch nicht einfach einem dahergelaufenen Vater überlassen! Obwohl der immer erklärt hat, er werde sich gern ums Baby kümmern, obwohl er in Freiheit ist und mit dem Baby lange Spaziergänge machen kann und jederzeit Oma und Opa besuchen und im Frühling das Baby im Kinderwagen unter einen Baum stellen kann, damit es sieht, wie die Blätter im Wind wehen. Später gibt es in Freiheit Babyrutschen und Kindergeburtstage, Sand zum Matschmachen und Pfützen zum Pritscheln, es gibt Wälder oder wenigstens einen Beserlpark, Katzen zum Streicheln und Hunde zum Knuddeln und vielleicht einen Besuch im Zoo, wo man Ziegen füttern kann. Und andere Kinder.
Dagegen sind die Mama und ein Mobile eine schlechte Alternative.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)















