Ich bin eine ungerechte Mutter. Nicht hin und wieder. Sondern permanent. Tatsächlich kann ich mich an keine Situation erinnern, in der ich gerecht gewesen wäre: Ich lasse zum Beispiel Hannah im Auto vorn sitzen. Das ist urunfair. Ich gebe Marlene zuerst das Frühstück. Das ist sogar ururunfair. Marlene bekommt zum achten Geburtstag einen Nintendo? Gemein! Weil Hannah hat erst mit neun einen gekriegt. Kaufe ich beiden ein Eis, erwischt garantiert eines der Kinder eine größere Kugel. Und wenn ich um des lieben Friedens willen zwei Mars-Riegel besorge (genormt!), erklärt mir Marlene, dass sie eigentlich lieber Twix mag. Mit einem Wort: unfair.
Ha, sagt jetzt ein kluger Leser, der keine Kinder hat: Aber das ist doch nicht so kompliziert! Das eine Kind kriegt ein Twix, das andere ein Mars!
»Du bist die Ältere.« Aber ein Mars hat nun einmal 45 Gramm und ein Twix 58. Und selbst wenn nur ein Gramm Unterschied wäre: Es geht ums Prinzip! Also um die Mama! Unter Erben wird ja auch nicht deshalb so erbittert gestritten, weil Haus und Hof zur Disposition stehen. Sondern weil keine Mama mehr da ist, die sagt: Meine Süßen, ich hab euch wahnsinnig lieb, zum Polarstern und wieder zurück. Aber darf ich jetzt bitte in Ruhe weiterrühren? Sonst wird's heute nix mehr mit dem Risotto.
So was kann ein Richter natürlich nicht.
Aber noch lebe ich ja. Noch kann ich reagieren, wenn eines unserer beiden Mädchen vor mir steht und mit bebender Stimme, gesenktem Kinn und stampfendem Fuß behauptet, dass ich total gemein bin.
Taktik Nummer eins: Ich argumentiere (Du bist die Ältere, du bist die Jüngere, die Hannah hat früher auch nicht ...). Ich lenke ab („Was hat die Zahnbürste auf dem Küchentisch verloren, verflixt noch einmal?“). Ich versuche es mit paradoxer Intervention („Natürlich bin ich unfair. Das ganze Leben ist unfair! Sei froh, oder glaubst du, die Kinder in Afrika haben einen Nintendo?“).
Wenn ich gut drauf bin, mache ich einen Witz: „Es ist echt schlimm“, sage ich: „Die Mama ist zu Hannah und Marlene viel netter als zu Hannah und Marlene. Ich finde, Marlene und Hannah sind echt arm!“ Marlene lacht. Sie ist acht. Hannah lacht nicht. Sie ist zwölf und in der Pubertät, besser: Die Pubertät ist in unserem Kind, und die Pubertät kennt keinen Spaß.
Post Scriptum. In unregelmäßiger Folge möchte ich mich an dieser Stelle dem politisch, sozial und ökologisch korrekten Leben widmen. Also: Die meisten Supermärkte führen Biosackerln. Die schauen exakt aus wie Plastiksackerln, bestehen aber aus Stärke und sind biologisch abbaubar. Wem das zu teuer ist, der lese das Buch „Plastic Planet“. Ihre „Gutmenschin“.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com DiePresse.com/amherd
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)















