24.05.2013 09:29 Merkliste 0

Bin ich intolerant?

von Bettina Steiner (Die Presse)

"Raus, raus, raus mit den Kopftüchern aus den Schulen!", rufe ich im Café. Meine Freunde sind entsetzt. Bin ich intolerant?

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Heftige Debatte unter Freunden. Sehr heftige Debatte, vielleicht zu heftig, es ging um die Kopftücher, und mein Standpunkt war dezidierter, als es einer gepflegten Diskussion in einem gepflegten Wiener Café guttut: Ich finde – nein, ich bin überzeugt davon, dass Kopftücher in der Schule nichts verloren haben. Was die Erwachsenen machen, ist mir egal. Wer sich ohne Kopftuch nackt vorkommt oder unbehaglich, der möge sich bedecken, ob Mann oder Frau. Aber die Kinder, die soll man wenigstens in der Schule in Ruhe lassen, damit sie sich als Erwachsene frei entscheiden können. Weil frei entscheiden kann nur, wer beides kennt – und beides gewohnt ist.

Bin ich jetzt intolerant? Jedenfalls verteufle ich nicht den Islam. Ich behaupte nur, dass er gezähmt werden muss, wie auch das Christentum gezähmt werden musste, weil Religionen sich eben gern dem Fortschritt widersetzen: weil sie nicht wissen wollen, dass die Erde sich um die Sonne dreht, weil sie es ungehörig finden, dass der Mensch von einem affenähnlichen Wesen abstammt, weil sie wollen, dass alles bleibt, wie es ist, und darum die Freiheit jener beschränken, die neugieriger sind – oder einfach nur zufällig weiblich.


Das anatomische Theater in Padua. In Padua stand einst die berühmteste Universität der Welt, dort forschte Galilei, dort gab es das erste „anatomische Theater“, einen fensterlosen Raum, in dem zu Lehrzwecken Leichen seziert wurden. Was verboten war. Die katholische Obrigkeit war streng dagegen. Darum gab es eine Falltüre: Sollten unangekündigt Vertreter des Klerus vorbeikommen, konnte man den Leichnam rasch im darunter vorbeiziehenden Fluss entsorgen. Für diesen Fall stand außerdem der Kadaver einer Katze oder eines Hundes zur Verfügung. Die durfte man aufschneiden – einen Menschen nicht.

Die Wissenschaft hat sich durchgesetzt. Nicht endgültig natürlich, die Kreationisten sind hartnäckig und wehrhaft, doch sie führen Rückzugsgefechte. Der Katholizismus ist so weit Privatsache, er tröstet und gibt Geborgenheit, dient manchem, auch manchem Wissenschaftler, als moralischer Gradmesser – aber seine Kraft, auch Ungläubigen und Andersgläubigen Vorschriften zu machen, schwindet.

So weit hätte ich den Islam auch gern.


Gegendarstellung. Ich habe letzte Woche davon geschrieben, dass meine ältere Tochter „in der Pubertät ist, besser: die Pubertät ist in meiner Tochter, und die Pubertät kennt keinen Spaß“. Meine Tochter, die regelmäßig meine Kolumnen liest, was mich sehr freut, begehrt eine Richtigstellung. Also: Diese Behauptung war falsch, und ich entschuldige mich hiermit. Liebe Hannah, das mach ich gern.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)

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14 Kommentare
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bravo

danke für diesen kommentar.

Gast: Ankern
16.02.2012 13:42
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Chancengleichheit

Ihre Haltung (Kopftuchverbot an Schulen) hat das Verhindern von Zwang gegenüber Kindern und Jugendlichen zum Ziel und ist daher das Gegenteil von intolerant. „Intolerant sind“, wie Elfriede Hammerl einmal schrieb, „die Bekleidungsvorschriften und nicht diejenigen, die sie untersagen wollen,“ intolerant sind diejenigen, die Mädchen zwingen, bereits als kleines Kind ein Kopftuch zu tragen. Sie haben völlig recht: Frauen, die freiwillig zum Kopftuch greifen, haben jedes Recht dazu, aber Selbstbestimmung setzt die Freiheit voraus, eine autonome Entscheidung überhaupt treffen zu können. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Menschen, die von Kindheit an zur Einhaltung religiöser Gebote und Verbote genötigt werden, die Freiheit erlangen, später selbst zu entscheiden. Der Erziehungsauftrag der Schule besteht auch darin, Kindern die Chance zu einem individuellen Lebensentwurf zu eröffnen – die Entscheidung für oder gegen ein Kopftuch inklusive.

Gast: Demir
16.02.2012 09:42
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Ja sie sind intolerant

Na, sie sollen sich Gedanken machen wie sie ihre Kinder bekleiden sollen und lassen Sie die Muslime selber zu entscheiden was sie anziehen wollen, denn Muslime genause andere konfessionen brauchen nicht ihre sehr wertvolle Ratschlag und apropo als ein Muslim möchte ich gar nicht eure Toleranz:)) ich möcht lieber so akzeptiert werde wie ich bin! denn ich akzeptiere ja auch wie die anderen leben! lg. Demir

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Re: Ja sie sind intolerant

warum leben sie in einem christlichen land?
sie können gerne in ihrer heimat leben wie sie wollen.

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Endlich jemand der sich getraut die Dinge beim Namen zu nennen!

Der Islam gehört dringend aufgeklärt - den Fanatikern gehört täglich der Spiegel vor's Gesicht gehalten.

Derart frauenfeindlich, dass sie sogar ihre eigenen Töchter mit Eintritt der Pubertät "traditionell missbrauchen" - hat lange Tradition!

Das Kopftuch ist im Islam kein Kleidungsstück, sondern ein Zeichen der Unterwerfung der Frau unter das Patriarchat der Männer! Sonst trügen es wohl auch Männer!

Andere in Namen Allahs in die Luft sprengen und damit im 7.Himmel landen - wie primitiv ist diese Lehre?

Gast: ebenfalls Steiner
14.02.2012 01:12
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"nur" Kolumne

ich hoff dass hannah die einzige ist, welche ihre kolumnen liest. auch wenn ich nicht über andere kolumnen reden kann, aber wenigstens über diese...welche ich als dumm und provzierend einstufe, wobei dumm das hauptproblem und das provozierende ja heutzutage modern und frotschrittlich ist, während die religionen ja nur allzu zurückgeblieben sind. apropo provozierend: was unterscheidet Sie von den iranischen oder saudischen "Sittenwächtern" die Eine (SIE) verbietet (will verbieten) das Kopftuch (wenn auch nur gedanklich/philiosophisch und mit altersbeschränkung) und die anderen genannten zwingen dazu....da lob ich mir den Islam: welcher die Menschen zum nachdenken anregen soll und die freihe Entscheidung jedes/r einzelnen betont...zu risiken und nebenwirkungen fragen sie doch mal in der moschee um die ecke und nicht die exil-ex-muslime....mfg aus deutschland

Gast: Valentinaa
13.02.2012 09:05
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Kleiderordnung

Wenn eine Kleiderordnung in der Schule eingeführt werden würde, das wäre für alle hilfreich. Dann würden die Kinder aufhören, Kleidung als Statussymbole zu benutzen. Dem Markenwahn könnte man in seine Schranken weisen. Sinnvoll wäre es ebenfalls, bauchfrei, kniefrei und Spagettiträger zu verbieten. Aber es wird nur das Kopftuch verboten. WENN SCHON, DENN SCHON.

Gast: selberlehrer
12.02.2012 21:31
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intolerant

Um die Frage zu beantworetn - ja, ich finde diesen Standpunkt intolerant. Hier wird Religion als ausschließlich negativ betrachtet, während die Wissenschaft als quasi heilig erachtet wird. Wieviel Unsinn "die Wissenschaft" (wie undifferenziert!) schon durchaus verbreitet hat, lässt sich leicht nachlesen.
Hoffen wir, dass sich Glaube niemals zähmen lässt, weil er unendliche Kraft verleiht - wohlgemerkt gut wenn es dem Wohl des Anderen dient! Religion ist übrigens keine Privatsache, denn sie beeinflusst durch die Haltungen der Menschen die Gesellschaft, genauso wie Gesellschaftspolitik, Politik Werte im allgemeinen und jede andere Ausübung und Umsetzung einer inneren Haltung. Auch die Autorin belässt ihre Meinung ja nicht im Privatbereich...

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Re: intolerant

"Hoffen wir, dass sich Glaube niemals zähmen lässt, weil er unendliche Kraft verleiht - wohlgemerkt gut wenn es dem Wohl des Anderen dient!"

... nicht wenn es um das Wohl des Anderen geht - sondern wenn es um die Unterdrückung der Gläubigen geht! Beim Islam auch um die der Anderen!

Gast: Gerne nur Gast
12.02.2012 16:29
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Interessant und bezeichnend!


Eine ideelle Gewohnheitslinke - ich darf Frau Steiner aufgrund der Tendenz ihrer Kolumne so nennen und rechne mit der Zustummung der Autorin - wir mit dem echten Alltag, sprich der Wirklichkeit, konfrontiert, wohl durch den Schulbesuch der Tochter: Kopftuchtragende Mitschülerinnen!
Und siehe da: sie spürt und hört wie drückend das ist - und spricht sich dagegen aus! Und der poitisch verblendete (=korrekte) Freundeskreis ist empört. Was zu erwarten war.

Ich sehe und erlebe das selbst immer wieder: Gut Gebildete (vor allem Frauen) begeistern sich idealistisch: für "Toleranz", für "die ägyptische Freiheitsrevolution", für "Mulitkulti Miteinander". Sie wählen Grün, obwohl sie durch Grün massiv enteignet würden usw usf. - das ließe sich endlos fortsetzen.
Bis WANN? Ja, bis wann - bis sie durch das LEBEN ERFAHREN, dass ihre Fiktionen nicht der Realität entspechen. Aber dann ist es ZU SPAET.

Frau Steiner, trotzdem nur weiter so: some have it natural, others have to learn ist. Sie gehören mit Verlaub zur zweiten Gruppe.

Antworten Gast: Politisch verblendet
12.02.2012 20:34
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Re: Interessant und bezeichnend!

Ja genau, wir werden sie schon zur richtigen Gesinnung bekehren, nicht wahr? Und die rechte äh richtige Farbe wird sie auch bald wählen.
Und wenn dann alle so denken, dann sind nicht nur in der Schule alle gleich aussehend und gleich geschaltet. Und die böse "Toleranz" gibts dann auch nicht mehr.

Antworten Antworten Gast: blendend politisch
13.02.2012 13:26
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Re: Re: Interessant und bezeichnend!

Wer mit 20 kein Kommunist ist, der hat kein Herz.
Wer mit 40 noch immer Kommunist ist, der hat kein Hirn.

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Re: Re: Re: Interessant und bezeichnend!

Und jenseits von 60 lauert der Faschismus!

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Re: Re: Re: Re: Interessant und bezeichnend!

Sprechen's aus eigener Erfahrung?

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