18.06.2013 06:48 Merkliste 0

Mit dem Kinderwagen in der U-Bahn

von Bettina Steiner (Die Presse)

Mit dem Kinderwagen in der U-Bahn – was für ein Glück, dass die Zeiten für mich vorbei sind. Andere müssen sich noch damit herumplagen. Drei Geschichten mit Crescendo.

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Folgendes hat Stephan, mein lieber Mann, erlebt, und zwar in der Straßenbahn: Kommt ein Vater mit zwei Töchtern herein, die eine noch ein Butzi im Kinderwagen, die zweite ein Zwutschkerl, das sich mehr ziehen lässt, als dass es geht. Die Kleine brüllt wie am Spieß. Wohl gerade im Trotzalter. Kennen wir. Die Frauen in der Straßenbahn schauen mitleidig, nur ein Mann mit Schnauz, der neben Stephan sitzt, ist empört, er starrt abwechselnd das brüllende Kind an, dann wieder den Vater, schüttelt missbilligend den Kopf. Auch dann noch, als das Mädchen sich wieder beruhigt hat. Stephan, der sehr auf Harmonie bedacht ist, wenn es nicht gerade um uns beide geht, meint versöhnlich: „Hat er doch super hingekriegt, oder?“

Antwort des Mannes mit Schnauz: „So was soll überhaupt nicht Straßenbahn fahren!“

Der Mann war böse.


„Hier ist kein Platz!“ Die nächste Geschichte habe ich selbst erlebt, in der U-Bahn, zur Stoßzeit, Station Neubaugasse (Wiener wissen, was da los ist!). Eine junge Frau mit Buggy steigt ein, man macht ihr Platz, so gut es eben geht, rückt hier ein wenig, räumt dort einen Rucksack zur Seite, sie hat es fast geschafft – aber dort, wo normalerweise die Kinderwagen parken, steht ein älterer Mann und bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle. „Darf ich, bitte?“ fragt die junge Frau. Antwort: „Da sicher nicht!“ – „Und wo soll ich bitte hin?“ – „Rüber!“ Und er zeigt auf ein Piktogramm auf der gegenüberliegenden Seite.

Interessant, das ist mir noch nie aufgefallen, nicht in all den Jahren, als die Kinder noch klein waren, und auch nicht in der Zeit danach: Tatsächlich klebt nur auf einer Seite so ein Piktogramm!

Der Mann war böse, und er hatte die Vorschriften auf seiner Seite.


„Sofort aussteigen!“ Dritte Geschichte, erzählt von einer Kollegin, die ebenfalls mit dem Kinderwagen unterwegs war: Sie hat es eilig, will den Bus nehmen, der fährt gerade in die Haltestelle ein, also beginnt sie zu laufen... Ha, werden Sie sagen, Sie wissen, was jetzt kommt. Sie haben es selbst doch schon oft erlebt! Der Bus fährt weg, im allerletzten Moment.

Tut er aber gar nicht. Meine Kollegin steigt ein. „Das war die falsche Tür“, bemerkt der Busfahrer. „Steigen Sie aus, und nehmen Sie die richtige!“

Er hat darauf beharrt. Er hat gesagt, er fährt sonst nicht weiter. Irgendwann ist sie dann ausgestiegen und zu Fuß weitergegangen. Ohnmächtig wütend. Das ist nämlich der absolute Gipfel: Leute die böse sind, die Vorschriften auf ihrer Seite haben – und ein „Amt“, und sei es nur das eines Bus-Chauffeurs.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)

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1 Kommentare
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legitime weibliche Waffe

Beim letzten Busfahrer hätte ich mich um einen authentischen Burnout Heulanfall bemüht. Dann wär ER ohnmächtig wütend geworden.


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