Erste Szene, im Park. „Also genau genommen geht mich das gar nichts an“, sagt Rita zu mir. „Und natürlich weiß ich, dass du eine Menge um die Ohren hast. Aber bist du dir sicher, dass die Kinder da nicht zu kurz kommen? Ich weiß ja nur, was die Lara mir so erzählt, und es kann natürlich sein, dass sie übertreibt. (Haha, Kinder, du weißt jawie die sind). Jedenfalls hat die Lara mir gesagt, dass die Hannah jetzt schon dreimal hintereinander ihr Anmeldeformular vergessen hat, immer mit einer anderen Ausrede. Und dann hat sie gesagt, dass die Hannah zu Mittag immer nur Nudeln bekommt, meistens noch dazu die Nudeln vom Vortag, und wenn sie was anderes essen will, macht sie sich eine Eierspeise. Also ich finde, ein Kind hat schon das Recht auf eine richtige Mahlzeit, wenn es von der Schule heimkommt, ich meine: Ohne was Gescheites im Magen kann ein Kind doch nicht lernen!“ Pause. „Wie geht es Hannah eigentlich so in der Schule?“
Zweite Szene, ebenfalls im Park. „Also wenn du mich fragst“, sage ich zu Rita, obwohl sie mich gar nicht gefragt hat: „Also wenn du mich fragst, wirken deine Kinder ziemlich unselbstständig. Es muss ja nicht unbedingt damit zu tun haben, dass du seit der Geburt immer zu Hause warst, und ich meine, ich verstehe schon, dass man da den Kindern das eine oder andere abnimmt. Aber wie oft hast du der Lara heuer das Turnsackerl nachgetragen?“
Dritte Szene, vor der Schule. „Hast du gehört“, sagt Gudrun: „Die Monika hat ihre Tochter nicht gestillt. Sie sagt, ihre Brust sei entzündet gewesen, aber da kann man ja was dagegen tun! Also ich glaube, die wollte sich in Wirklichkeit den Busen nicht ruinieren. Es ist unglaublich: Kann einer Mutter der Busen wirklich wichtiger sein als die Entwicklung ihres Kindes? Kann er das?“
Glucken gegen Rabenmütter? Jetzt könnte ich mir noch eine Szene einfallen lassen, in der das Wort „egoistisch“ vorkommt oder das Wort „Hausmütterchen“. Tatsache ist: Ich habe all diese Szenen frei erfunden. Frauen reden nämlich nicht so miteinander. Ja, Frauen denken nicht einmal so übereinander, jedenfalls nicht die Frauen, die ich kenne.
Mag sein, es gibt irgendwo da draußen, in der Welt der Talkshows und der Bestseller-Pamphlete, wirklich „Glucken“, die über „Rabenmütter“ herziehen, mag sein, da bringen „Latte-macchiato-Mütter“ ihre Windelrucksäcke gegen Karrierefrauen in Stellung und die kinderlose Vorstandsvorsitzende bedroht die Mehrfach-Mama mit ihren Pumps, was sicher interessant aussieht und für Diskussionen sorgt.
Aber in Wirklichkeit hauen wir Frauen uns die unterschiedlichen Lebensentwürfe nicht um die Ohren, allein deshalb schon, weil wir hier kein Leben entwerfen: Wir leben es wirklich.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)















