24.05.2013 16:39 Merkliste 0

Meine Güte, war ich nervös

von Bettina Steiner (Die Presse)

Ich hätte einen Elefanten in den Rüssel beißen können, bis er quietscht (falls Elefanten überhaupt quietschen können).

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Übertrittsprüfung. Ich schreibe nur „Übertrittsprüfung, und noch einmal Ü–b–e–r–t–r–i–t–t–s–p–r–ü–f–u–n–g, einfach nur, weil es so ein angenehmes Gefühl ist, ich schreibe und bleibe cool, selbst bei Temperaturen um die 30 Grad, ich tippe und bin erleichtert: Hannah hat in Klavier bestanden!

Was war ich doch nervös! Ich war so nervös, dass ich zehn Minuten lang den Schlüssel in der Schublade gesucht habe, obwohl der in meiner Hosentasche war. So nervös, dass ich allen davon erzählen musste: meinen Kollegen, meiner Freundin, ja sogar der Bäckerin, bei der ich mein Mittagessen kaufte: „Hannah hat Klavierprüfung!“ So nervös war ich, ich hätte einen Elefanten in den Rüssel beißen können, bis der quietscht.


Das liegt doch hinter mir! Dabei habe ich geglaubt, das liege alles hinter mir und ich sei eine gelassene Mutter! Schon über ein Jahr lang schaue ich an Schularbeitstagen nicht mehr dauernd auf die Uhr, ja so cool bin ich, dass ich zum Teil nicht einmal mehr weiß, in welcher Stunde ich überhaupt auf die Uhr schauen müsste! Warum fange ich jetzt wieder damit an?

Weil es Hannahs erste Klavierprüfung ist und ich keine Ahnung habe, was die verlangen. Das ist die erste Erklärung. Weil die gesamte Professorenschaft der Musikschule samt Direktorin zuhört und ich befürchte, Hannah könnte vor Nervosität den Flügel nicht finden. Zweite Erklärung. Weil ich nicht dabei sein kann. Falsche Erklärung. Ganz falsche Erklärung! Ich bin froh, dass ich nicht dabei sein kann, ich bin dankbar, dass ich nicht vor der Tür ausharren muss, auf der in großen Buchstaben „Prüfung! Bitte Ruhe!“ steht. Zum Glück besteht Hannah nicht auf Begleitung, sie will nur, dass ich sie anschließend abhole und mit ihr ein Eis essen gehe. Drei Kugeln! In der Zuckertüte!


Das schafft sie ohne mich – oder? Dritte Erklärung, und das kommt der Sache am nächsten: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich habe nämlich nicht mit ihr geübt. Ich war am Abend zu müde und/oder grantig und/oder nicht zu Hause, und ich habe mir gedacht, das schafft sie auch ohne mich – aber dann, kurz vor der Prüfung, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher. Ich hätte sie wenigstens anhalten müssen, mit Metronom zu spielen! Oder ihr sagen müssen, dass sie diese unsaubere Passage ein paarmal wiederholen soll. Jawohl, ich habe sie nicht genügend unterstützt (und kann die Schuld nicht einmal auf meinen Mann abwälzen, denn der hat Schweinsohren).

Aber das ist vorbei, die nächste Ü-b-e-r-t-r-i-t-t-s-p-r-ü-f-u-n-g ist erst in drei Jahren – und dann bin ich garantiert die entspannte Mutter, die ich seit Jahren schon sein will.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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