Selbst hartgesottene Leser meiner Kolumne mögen sich letztes Mal gewundert haben, dass wir als „Krone der Schöpfung“ sogar die neuronale Basis für Sozialverhalten mit allen anderen Wirbeltieren teilen. Heute möchte ich noch ein Schäuferl nachlegen. Denn, na ja, Nervenzellen und Instinkte mögen wir ja durchaus mit anderen Tieren teilen, aber unsere Fähigkeit zum logischen Denken galt bislang als eine typisch menschliche Eigenschaft, als eine der letzten Bastionen menschlicher Einzigartigkeit, sozusagen.
Selbst Fachkollegen diskutieren immer noch, ob nicht menschliche Tiere zu logischen Schlüssen fähig sein könnten. Sie sind es, fanden wir im FWF-geförderten Forschungsprojekt P20538 mit Dissertantin Sandra Mikolasch und Postdoc Chris Schlögl, der in der Zwischenzeit am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen an den geistigen Fähigkeiten von Affen forscht, also auch bezüglich seiner Tierpartner Karriere gemacht hat :-).
Und wir wollten die Fähigkeit zu logischen Schlüssen nicht etwa bei gescheiten Säugetieren untersuchen, sondern an den angeblich so doofen Vögeln. Freilich, unsere Forschungspartner waren die angeblich klügsten der modernen Vertreter der gefiederten Dinosaurier, die Rabenvögel und Papageien. Aber selbst unsere Graugänse entpuppten sich als ziemlich klug, wenn es galt, hierarchische Reihen zu durchblicken. Herausfinden wollten wir vor allem, ob Vögel zu logischen Schlüssen nach dem Ausschlussprinzip fähig sind (wenn das Objekt nicht im linken Rohr steckt, dann wird's wohl im rechten sein). Zudem wollten wir wissen, ob diese kognitiven Fähigkeiten als Anpassungen an eine spezifische Umwelt oder eher als Instrumente der allgemeinen Intelligenz betrachtet werden können, also sowohl bei der Nahrungssuche als auch im Sozialleben einsetzbar sind.
Wir fanden in einer Serie von Experimenten, dass besonders die futterversteckenden Kolkraben und Rabenkrähen gut darin sind, einfache Schlussfolgerungen über den Verbleib von Futter zu ziehen. Aber auch die Graupapageien waren nicht schlecht; Dohlen und Keas, die neuseeländischen Gebirgspapageien, scheiterten hingegen daran. Wir halten daher diese Form des logischen Ausschlusses bei Raben und Krähen für eine Anpassung an die Lebensweise. Bei den Tests auf komplexeres logisches Denken hingegen schnitten die futterversteckenden Arten nicht sonderlich gut ab, die Papageien dagegen schon. Dohlen wiederum waren im Erkennen und Ableiten von sozialen Beziehungen besonders erfolgreich. Wir folgern daher, dass sich die Grundstrukturen logischen Denkens bei den Papageien und Rabenvögeln unter verschiedenen Selektionsdrucken entwickelt haben. Während diese Basis bei den Rabenvögeln ökologisch angepasst erscheint, zeigen die untersuchten Papageien eher eine sogenannte generelle Intelligenz, also die Fähigkeit zur logischen Durchdringung weiterer Bereiche ihres Lebens.
Die Grundstrukturen des Gehirns für eine basale Logik entstanden also, weil sie etwa für die Nahrungssuche oder die Vermeidung von Fressfeinden Vorteile brachten. Daraus entstehen dann durch verbesserte hirninterne Vernetzung generelle Intelligenzleistungen, auf denen etwa auch die komplexen sozialen Systeme der Vögel und Säugetiere beruhen. Gerade forderte die Intendantin der Documenta in Kassel das Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren. Wie wär's mit der Schulpflicht für Raben und Papageien?
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)















