24.05.2013 19:14 Merkliste 0

Religionsfreiheit oder Kindesmisshandlung?

KURT KOTRSCHAL (Die Presse)

Nichts gegen Beschneidung an Erwachsenen unter Betäubung, aber alles gegen Kindesmisshandlung im Namen der Religion.

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Unter Menschen treten Traditionen in Wettbewerb und oft genug entsteht daraus ein Kampf der Kulturen, wie jüngst beim Thema Genitalbeschneidung. Nun könnte man meinen, es solle jeder nach seiner Façon glücklich werden. Was aber, wenn das nicht mit den gesellschaftlichen Grundprinzipien übereinstimmt? Gerade erhitzt das Urteil eines deutschen Gerichts die Gemüter, welches die Beschneidung männlicher Babys als Körperverletzung wertete. Prompt beeilten sich Politiker fast aller Couleurs, eine Gesetzesnovelle im Herbst anzukündigen, welche die Beschneidung als Teil des Rechts auf freie Religionsausübung außer Strafe stellen würde; ob aus reflektierter tolerant-liberaler Gesinnung oder aus Angst und vorauseilender Andienerei den Religionsgruppen gegenüber, bleibe dahingestellt. Dagegen bildete sich eine große Koalition von Organisationen gegen den sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder bis hin zum Bund der Deutschen Kriminalbeamten, die appellierten, erst mal den Diskurs zuzulassen. Man merkte an, dass das Recht auf freie Religionsausübung nicht automatisch höherwertig sein könne, als alle anderen Grundwerte.

Richtig, denn unsere Staaten, unsere Erfolge in Wissenschaft und Wirtschaft beruhen auf den Prinzipien der Aufklärung. Nun wurde hierzulande den christlichen Religionen immer schon zu viel Einfluss eingeräumt. Nun dehnt man offenbar diesen Fehler auf Religionsgemeinschaften aus, zu deren Gepflogenheiten es gehört, die Genitalien von Kindern zu beschneiden und Tiere durch Kehlschnitt zu töten, beides ohne vorherige Betäubung.

Schwerste Verletzungen der Integrität von Individuen also, die dazu keine Einwilligung geben können. Konkret ist die Vorhautbeschneidung von Knaben nicht so harmlos, wie sie immer hingestellt wird. Es kommt zu Komplikationen und sie wird meist ohne örtliche Schmerzprophylaxe durchgeführt. Erst letzte Woche erstaunte mich ein angesehener US-Kollege, ein auch für das NIH tätiger Neurologe mit dem Hinweis, dass es durch diese Praxis zu einer frühen Sensitisierung entsprechender Hirngebiete käme, was bei dafür disponierten Säuglingen eine verstärkte Ausbildung autistischer Störungen bewirkt. Nichts gegen Beschneidung, wenn sie an mündigen Erwachsenen unter Schmerzausschaltung durchgeführt wird, aber alles gegen üble Kindesmisshandlung im Namen der Religion.

Die frühkindliche Beschneidung entspricht als kulturelles Merkmal einem von Richard Dawkins so genannten „Mem“, wandelbar analog zur genetischen Mutation und Selektion. In dieser Anpassungsfähigkeit menschlicher kultureller Merkmale liegt einer der Unterschiede zur Traditionsbildung bei anderen Tieren. Religion und Gesellschaft stehen immer in Wechselwirkung.

Den Prinzipien unserer aufgeklärten Staatlichkeit entspricht eine weitgehende Trennung und eine Vorrangigkeit der Rechtsstaatlichkeit vor religiöser Praxis. Daher sind individuelle Rechte nicht automatisch dem Recht auf Religionsfreiheit unterzuordnen. Im Lichte der Grundprinzipien westlicher Staaten und Gesellschaften gilt das vor allem für Genitalbeschneidung bei beiden Geschlechtern und für das klassische Schächten von Tieren. Wie Najem Wali im Spektrumteil der „Presse“ klarmachte, sind diese Grausamkeiten vor allem auch Machtanmaßungen von Religionsgemeinschaften, die unser Rechtsstaat so nicht dulden darf.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

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20 Kommentare
Gast: Gast151
01.08.2012 14:44
3 0

Bravo!

100% Zustimmung.

Erst letzte Woche erstaunte mich ein angesehener US-Kollege, ein auch für das NIH tätiger Neurologe mit dem Hinweis,

Warum nicht mit einem Beweis?
Sensitisierung bei disponoerten Säuglingen? Wie stellt der NIH fest, womit der den Verhaltensforscher erstaunen kann?

Mich erstaunt der hohe wissenschaftliche Unsinnsgehalt dieses Kommentars.

Miliarden Beschnittene laufen auf der Welt herum und ein Beweis ist ausständig? Deswegen mutmaßt man wohl.

Gegen den losgetretenen Mainstream schreibe ich hier wohl ohnehin völlig sinnlos an. Schade nur, dass Sachargumente immer wieder auf völlig überzogene Kraftausdrücke wie Kindesmisshandlung und Verstümmelung treffen.

Der Autor war offenbar noch nie selbst Zeuge einer Beschneidung. Die Knaben, die ich gesehen habe, waren alle 8-21 Tage alt. Die meisten haben keinen Muchser von sich gegeben, von weinen oder sogar Schreien weit entfernt.

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PS Da das Schächten in einem Rundumschlag gleich mitgenommen wurde: Bejagte Tiere können nicht vorher betäubt werden. Geschächtete werden mit einem einzigen sauberen Schnitt in die Ohnmacht befördert.


Antworten Gast: schlÄchter
26.07.2012 10:41
0 5

Re: Erst letzte Woche erstaunte mich ein angesehener US-Kollege, ein auch für das NIH tätiger Neurologe mit dem Hinweis,

sg herr ratlos!
von mir ein
+
ich selbst würde meine kinder nie beschneiden lassen, finde die diskussion aber richtig und wichtig-ist es eine möglichkeit der betroffenen religiösen darüber nachzudenken, ob man an diesem ritus festhalten will.
was mir aber sorgen macht, ist ein quasireligiöser säkularer ansatz, der mit einem ebensolchen machtanspruch antritt, wie ihn radikal-religiöse haben.
ein totales beschneidungs- oder auch schächtverbot - gewisse medizinische oder technische gesetzliche regelungen (beschneidungen nur durch bauch medizinisch ausgebildete und befähigte beschnedier) sind nötig, wichtig und jedenfalls eingefordert muss auch die unterwerfung politisch-religiöser ansprüche unter die weltliche - säkulare rechtsordnung werden, unpolitische riten hingegen in den erwähnten grenzen sind bestandteil der religiosnfreiheit, der freiheit der eltern ihren kindern eine religiöse zugehörigkeit zu ermöglichen und schlussendlich der eigenen gewissensfreiheit. noch mehr nannystaat will ich persönlich in diesen bereichen nicht und ist es mmn ein totalitärer anspruch nichtreligiöser.

völlig auch bei ihnen, was die jagd/fischerei und den tierschutz betrifft.

mfg
s.

Antworten Gast: Doktor Emil Erpel
26.07.2012 09:21
0 5

Re: Erst letzte Woche erstaunte mich ein angesehener US-Kollege, ein auch für das NIH tätiger Neurologe mit dem Hinweis,

Gratulation zu Ihren Worten!

Hoffentlich schreiben Sie nicht sinnlos gegen den losgetretenen Mainstream an. Sie haben ganz recht: Wenn die Beschneidung jüdischer Buben Schaden anrichten sollte und man sich eine Legion Beschnittener, von Moses beginnend bis hin zu Einstein an seinem geistigen Auge vorüberziehen sieht, kann man nur sagen: den Schaden möcht' ich haben.

Im übrigen ist es eine bodenlose Frechheit von Kotrschal, jüdischen Müttern, deren Liebe zu ihren Kindern sprichwörtlich ist, Beihilfe zu Kindesmisshandlung vorzuwerfen.

11 1

Religionsfreiheit bedeutet nicht nur die freie Wahl zwischen den Religionen, sondern vor allem die Freiheit von jedweder Religion.

Wir müssen lernen, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen!!

Stephen Weinberg:”Religion ist eine Beleidigung der menschlichen Würde”.
Ohne Sie würde es gute Menschen geben die gute Dinge tun, und böse Menschen die böse Dinge tun, aber damit gute Menschen böse Dinge tun, braucht es Religion.

Welche Idee ist richtig, welche falsch?

Woran ist der Wahrheitsgehalt einer Idee und deren Gefährdungspotenzial noch vor deren Wirkung objektiv erkennbar?

Darüber möchte ich gerne mehr in Erfahrung bringen. Vielleicht haben Sie ja die passende Idee dazu.

Gast: w.d.
25.07.2012 17:43
7 1

Diskriminierung

Bemerkenswerter Weise erfolgt die Beschneidung im Rahmen einer großen Familienfeier. Bei der Geburt eines Mädchen gibt es nichts zu feiern.
Eine besonders subtile Diskriminierung.

Gast: daschauherr
25.07.2012 15:48
1 15

Ein Zoologe als Religionsexperte

"Kurt Kortrschal ist Zoologe..." dann ist er natürlich voll qualifiziert, diesen Beitrag zu schreiben.

Gast: gut geschrieben
25.07.2012 13:11
20 1

Danke für diesen vernünftigen Gastbeitrag.

Die Verstümmelungspropaganda von Fleischhacker und Co. war ja nicht mehr auszuhalten!

15 1

Danke für diesen weisen Beitrag!

Uneingeschränkt Danke!

Koalitionen

Interessant, welche Koalitionen sich bei diesem Thema herausbilden: Religiöse, die um den Einfluss ihrer Religionsgemeinschaften fürchten, linke Kulturrelativierer(innen!), die so zart besaitet sind, dass sie sogar weibliche Genitalverstümmelung nicht so bezeichnen möchten, um niemanden zu diskriminieren, im allgemeinen der Aufklärung verpflichtete Chefredakteure, von denen man uneingeschränkten Humanismus erwartet hätte...
Was ihnen allen fehlt, ist Empathie mit den betroffenen Kindern. Man tut Kindern nicht weh, wenn es nicht dazu dient, größeres Leiden zu vermeiden (medizinische Eingriffe).
Wenn ich die vielen Tätowierten auf der Straße sehe, ist mir klar, dass Erwachsene ihren Körper auf brutale Weise verändern.
Bei Säuglingen und Kindern ist im Sinne von Menschenrecht und Menschenwürde festzustellen: kein Eingriff, der nicht medizinisch indiziert ist!

Religionsfreiheit und Beschneidung

Bezugnehmend auf den Art. i.d. "Presse" vom 17.dM. 'Beschneidung: Österreichische Gegner formieren sich" und meine Gastkommentare dazu zum Art. von heute von K. Kotrschal "Religionsfreiheit oder Kindesmißhandlung" Folgendes: Für den Frommen gilt: "Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen". Wenn also der "Säkulare" Staat den Gläubigen wesentliche Handlungen verbietet, an die die Gläubgen religiös gebunden sind, treibt er sie in den Untergrund. Die Verfolgung der so verbotenen Religionsausübung stärkt erfahrungsgemäß die Religiosität (sanguis martyrum semen christianorum). Die staatsmännische Klugheit spricht daher gegen - im Hinblick auf die "Fristenlösung" fadenscheinige Begründung - Bekämpfung der Beschneidung. Denn die "Abtreibung" ist ein strafloser Mord, verbunden mit einer schweren Körperverletzung der Mutter, die vorher erfahrungsgemäß ein Erpressungsopfer wurde. "Säkulare" Staaten haben allerdings in jedem Fall ein Ablaufdatum, denn da sie die Sexuaität als Genußmittel betrachten, sterben die von ihnen beglückten Völker. Da eine nur dem Gewinn verpflichtete Wirtschaft zur Pleite tendiert und ein rein rational verstandenes Rechtssystem zu Korruption und Anarchie (mein Motto: "il n'y a de loi sans foi"= Ohne Glauben kein Recht). Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

14 0

Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

Na, ja ich finde es schon toll, wie man so eine Einsatellung gewinnen kann.
Jedem das seine, Hauptsache ich kann weitermachen wie bisher! Ich verbrenne meine Witwen, Du darfst die Ehebrecherin steinigen und den Gotterslästerer vierteilen. Es ist ja alles relativ. Nur nicht anecken und schon gar nicht, wenn es iregendwie um Humanität geht. Human ist, wenn man geflissentlich wegschaut.

Antworten Antworten Gast: Dr.Otto Ludwig Ortner
24.07.2012 21:20
0 12

Re: Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

Diskutanten, die den zügellosen Massenmord an jungen Staatsbürgern und Fremden ((§ 22 ABGB.: " Selbst ungeborene Kinder haben von dem Zeitpunkt ihrer Empfängnis an einen Anspruch auf den Schutz der Gesetze. Insoweit es um ihre und nicht um die Rechte eines Dritten zu tun ist, werden sie als geboren angesehen;..) für rechtmäßig halten, sind nicht redlich, wenn sie die Bescnneidung als Menschenrechtsverletzung bekämpfen. Diese Gruppierung bekämpft prinzipiell die Religion und würde uns sicher Tod und Verderben bringen. Das noble und anständige Österreich hat das bis jetzt verhindert und wird siegen!

14 0

Re: Re: Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

Also frei nach dem Motto: "Wenn man sie schon abtreiben darf, dann wird man sie doch noch verstümmeln dürfen!"? Sollen religiöse Motivation jegliche Handlung rechtfertigen? Ohne auf Ihre fadenscheinige Begründung eingehen zu wollen, erscheint mir doch recht seltsam, wie ein rationales Rechtssystem zu Korruption und Anarchie führen soll. Derr Einfachheit halber könnte Gott sich doch in personam in die Diskussion einschalten und - am besten übers Fernsehen - Stellung zu dem Thema nehmen. Für ihn dürfte dies ja wohl ein leichtes sein.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Dr.Otto Ludwig Ortner
25.07.2012 21:51
0 6

Re: Re: Re: Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

Zu Blumian: Für den Zeitungsleser ist erkennbar, daß sich Gott in die Diskussion aktiv einschaltet: Man liest ja nur mehr von Pleite, Korruption und Massenmorden.

Antworten Antworten Gast: Dr. Otto Ludwig Ortner
24.07.2012 21:04
0 10

Re: Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

Der Humanismus schließt natürlich die von Ihnen angeführten Grausamkeiten aus. Mit der Beschenidung! haben diese aber nichts gemein

9 0

Re: Re: Die Aufklärung ist die Folge der Intoleranz konkurrierender Religionen. Nicht die Religion ist die Gefahr der Freiheit, sondern die Intoleranz. Diese hat ein aufgeklärter Humanismus zu überwinden!

http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/1269512/Die-Macht-und-die-Messer?_vl_backlink=/home/spectrum/zeichenderzeit/index.do

Hier können Sie nachlesen, Herr Dr. Ortner, was passiert, wenn keine säkularen Handlungen an unmüdnigen vorgenommen werden.
Aber, dass sind ja nur religiöse oder altkulturelle Kollateralschäden!

Gast: Doktor Emil Erpel
24.07.2012 07:20
1 16

Richtig, aber es gibt noch Ärgeres!

Erst letzte Woche erstaunte mich Professor Primus von Quack, ein durch eine Vielzahl hochangesehener Publikationen bekannter Neurologe, mit dem Hinweis, dass es durch die Praxis der christlichen Taufe zu einer frühen Sensitisierung von Hirngebieten käme, wie er sie auch beim Waterboarding in Guantanamo feststellte. Bei dafür disponierten Säuglingen bewirkt dies eine verstärkte Ausbildung der gefürchteten Kotrschalisierung.

Re: Richtig, aber es gibt noch Ärgeres!

huh - wie lustig ( vielleicht im Kindergarten )

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