20.05.2013 07:29 Merkliste 0

Lehrerausbildung gehört ausschließlich an die Unis

GASTKOLUMNE VON KURT KOTRSCHAL (Die Presse)

Relativ gesehen ist Österreich eine Wissenschaftsgroßmacht. Trotzdem sind Wissenschaftler hierzulande Elfenbeintürmler.

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Mit Federn, Haut und Haar

Der Erfolg pluralistischer Staaten in einer globalisierten Welt erfordert drei Säulen: eine gut funktionierende, gesellschaftlich verantwortliche Wirtschaft, einen verlässlichen Rechtsstaat jenseits von Korruption und Vetternwirtschaft und einen starken Fokus auf Bildung und Wissenschaft.

Zweifellos spielt Österreich bezüglich Wirtschaft und Unternehmerkultur in der Topliga. Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsunkultur sind klar verbesserungswürdig. Wirklich schämenswert aber bleibt unsere Wissenschaftsorientierung.

Österreich exportiert Wissenschaftlernachwuchs in beträchtlicher Zahl, und sehr viele Institute unserer Universitäten sind Weltspitze. Auch deswegen, weil der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung die Forschungsvorhaben gnadenlos qualitätsorientiert und immun gegen alle Versuche externer Einflussnahme finanziert. Es zählt weder das Thema eines Projekts, noch wissenschaftspolitische Vorgaben, sondern ausschließlich die Beurteilung durch Topkollegen aus aller Welt. Daher ist unsere Bedeutung in der Grundlagenforschung viel größer, als es aufgrund der paar Millionen Österreicher zu erwarten wäre. Wie meinte doch vor 30 Jahren schenkelklopfend mein Gastprofessor im fernen Westen der USA, als ich ihm erklärte, wo Österreich liegt und wie viele Einwohner es hätte? „The suburbs of Los Angeles.“ Richtig, trotzdem sind wir relativ gesehen eine Wissenschaftsgroßmacht.

Allerdings schwimmt Wissenschaft hierzulande nicht wie ein Fisch im Wasser des Volkes. Aufgrund wohlwollend-schulterklopfender Ausgrenzung durch weite Teile der Bevölkerung und bis in die Spitzen der Wirtschaft und der sonntagsredenden Regierung, sind Wissenschaftler hierzulande immer noch Elfenbeintürmler. Österreich führt in den Eurobarometerumfragen, was Tierliebe und Tierschutz betrifft (was mich natürlich freut); genauso regelmäßig aber sind wir hinter Griechenland und Albanien Schlusslicht, was Wissenschaftsverständnis und Identifizierung mit Wissenschaft betrifft. Das mag viele Gründe haben. Vor allem aber fragt man sich, wo denn Wissenschaftsverständnis herkommen soll, wenn die Lehrerausbildung an den sogenannten „Pädagogischen Hochschulen“ (PHs) stattfindet, wo das Gros der sogenannten „Professoren“ weder promoviert noch habilitiert ist. Die meisten der PH-„Professoren“ kamen daher nie ernsthaft mit dem wissenschaftlichen Prozess in Berührung. Trotz Evaluierung ist bei „Berufungen“ an der PH der Einflussnahme von Politik und Seilschaften Tür und Tor geöffnet, wie jüngste Beispiele klar zeigten. Sehr im Gegensatz zu den Unis, bei denen selbst der Herr Minister keinerlei Einfluss auf Professorenbestellungen hat. Diese PH-„Professoren“ bilden dann Pflichtschullehrer (von unbestrittener didaktischer Qualität) aus, die somit kein Grundverständnis für Wissenschaft mitbekommen und es daher auch nicht an ihre Schüler in den Volks- und Neuen Mittelschulen weitergeben können. Noch Fragen? Dennoch hat unsere Frau Unterrichtsministerin die Chuzpe, die PHs energisch zu verteidigen und Leute in Leitungspositionen zu heben, die von Wissenschaft so weit entfernt sind wie ich vom Mars.

Schlussfolgerungen? Die Legislative möge in sich gehen. Sämtliche Lehrerausbildung gehört rasch an die Unis, die dann aber auch ihre Hausaufgaben in Sachen Pädagogik und Didaktik zu erfüllen haben.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

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