Gute Frühbetreuung für Kinder: Österreichs blinder Fleck

KURT KOTRSCHAL (Die Presse)

Die Kindergärtner protestieren zu Recht: Betreuungsdefizite in jungen Jahren haben Folgen für das ganze Leben.

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Menschen sind radikal soziale Tiere. Das frühe soziale Umfeld steuert die Entwicklung der sozialen Kompetenz, einer wachen Neugier, einer ausgewogenen Emotionalität, des Schulerfolgs und eines glücklichen, gesunden und langen Lebens. Denn ein gutes Leben beginnt mit einer sensiblen und verlässlichen Frühbetreuung durch Bezugspersonen, die Kinder nicht nur füttern und trocken halten, sondern vor allem verlässlich Halt und Trost bieten und damit eine sichere Basis für die ersten Vermessungsversuche dieser Welt. Betreuungsdefizite beeinträchtigen den weiteren Lebensweg. Kinder lernen etwa rasch, frustrierende Sozialkontakte zu meiden. Solch erworbenes Distanz-und Meideverhalten kann lebenslang den so wichtigen Aufbau vertrauensvoller Beziehungen mit anderen Menschen im Weg stehen.

Wirklich schlimm wird es, wenn die primären Betreuer, in der Regel die Eltern, ihre Babys und Kleinkinder vernachlässigen, nicht verfügbar sind oder zwischen Zuwendung und Abweisung pendeln. Dies ergibt ein „desorganisiertes“ Bindungsmuster; Kinder versuchen in der Regel zu kompensieren, indem sie ihre Umgebung kontrollieren. Etwa 20% der Kinder in unserer Gesellschaft wachsen unter solchen Bedingungen auf, Tendenz steigend, mit noch viel schlimmeren Folgen. Schlechte Frühbetreuung behindert die Entwicklung jenes Stirnhirns, das uns erlaubt, als sozial und emotional kompetente, gut in Netzwerke integrierte Erwachsene zu leben. Solche Kinder sind weniger als andere fähig, ihre Impulse und Emotionen zu kontrollieren, sich zu konzentrieren oder ihre Pläne auch langfristig umzusetzen. Ihre „executive functions“ entwickeln sich unzureichend. Die meisten dieser Kinder wachsen dennoch zu relativ unauffälligen Erwachsenen heran, denn Menschen sind enorm resilient.

Andererseits füllen Menschen mit geringer Impulskontrolle Jugendheime und Gefängnisse. Auch die Mehrzahl der Lernstörungen wird nicht durch geringe Intelligenz per se verursacht, sondern durch die Bindungsproblematik. Schlecht frühbetreute Kleinkinder sind programmierte Drop-outs.

All das weiß man heute. Man kennt die Ursachenkette, von den sozialen Faktoren über die Hirnentwicklung bis hin zu den lebensgeschichtlichen Folgen für den Einzelnen und die Konsequenzen für die Gesellschaft.

Dennoch scheint in Österreich diese Botschaft die Entscheidungsträger noch nicht erreicht zu haben. Man reagiert ungenügend und zu spät. Natürlich gehören die Kinder zu den Eltern. Was aber, wenn diese, aus welchen Gründen auch immer, mit der Betreuung überfordert sind? Gute Frühbetreuung braucht das Land nötiger als alles andere. Massive Investitionen in Krippen und Kindergärten, in die Anzahl und Ausbildung des Personals sind für die Zukunft unseres Landes mindestens so wichtig wie die so nötigen Investitionen in Schulen, Unis und Forschung. Die Kindergärtner protestieren zu Recht. In Wien und anderswo hält man etwa eine Pädagogin für 15 (!) unter Dreijährige bzw. für 25 (!) über Dreijährige für ausreichend; ein akzeptables Verhältnis läge bei etwa einem Drittel dieser Werte. Dazu kommen mäßige Ausbildung und die Prekarisierung dieses Berufsstandes. Wahrlich ein Verbrechen an Kindern. Steigende gesellschaftliche Probleme durch schlecht sozialisierte Jugendliche sind kein Schicksal, man kann, man mussendlich etwas dagegen tun!
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)

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2 Kommentare

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Kinder gehören zu ihren Eltern:
Jede auch nur mittelmäßige Betreuung in der Familie ist der besten Krippenbetreuung überlegen.

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