Die Grundlagenforschung in Österreich: Zu wenig zum Leben ...

Zahl und Qualität der Förderanträge steigen, aber die Finanzierung kann nicht mithalten.

Letztens meinte ich, dass Österreich über den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) 700 Mio € jährlich in die Top-Grundlagenforschung pumpt. Welch kapitale Freud'sche Fehlleistung! Es sind leider nur um die 200 Millionen. So passt zu den Hiobsbotschaften einer stagnierenden Wirtschaft und sinkender Realeinkommen bei steigenden Lohnsteuereinnahmen die Nachricht, dass wir im EU-Innovationsanzeiger bereits zum vierten Mal in Folge zurückfielen und nun auf Platz zehn der EU-Staaten rangieren. Wohl auch eine Folge der Unterdotierung der Grundlagenforschung als eines der wichtigsten Glieder in der Innovationskette. Der FWF finanziert als einzige Agentur in Österreich in nennenswertem Ausmaß exzellente Grundlagenforschung, und zwar unabhängig und streng qualitätsorientiert.

So wurden 2013 von der heimischen Forscher-Community 2386 Projekte im Gesamtvolumen von etwa 780 Millionen € beantragt. Genehmigt wurden davon nach strenger Prüfung durch ausschließlich ausländische Gutachter 632, also 25,8 Prozent, mit einer Gesamtsumme von 202,6 Mio. Euro. Keine schlechte Rate. Sie entspricht in etwa dem Exzellenzsegment und erreicht damit die Top-Forscher. Das FWF-Kuratorium traf seine Föderentscheidungen übrigens auf Basis von 5311 Gutachten von Kollegen aus 62 verschiedenen Ländern. Im Gegenzug begutachten die besten österreichischen Wissenschaftler Anträge von Kollegen an die Agenturen ihrer Länder. Das zu beforschende Thema spielt übrigens keine Rolle in der Entscheidungsfindung des FWF, es zählt ausschließlich die Qualität des Antrags. Dieser radikale Bottom-up-Prozess ist essenziell, um die Qualität in der Wissenschaft zu entwickeln und zu sichern.

Erfreulicherweise stiegen über die vergangenen Jahre sowohl die Zahl auch als die Qualität der Anträge. Allein, die Finanzierung kann nicht mithalten, weswegen die heimische Grundlagenforschung neuerdings stagniert.

Etwa 86 Prozent der 200 Mio. € des FWF flossen 2013 direkt an die Unis, die umso mehr profitieren, je bessere Bedingungen sie im eigenen Haus für Exzellenzforschung schaffen. 80 Prozent der FWF-Mittel finanzieren übrigens direkt Personal, ganz überwiegend Dissertanten und Postdocs, und damit den Topnachwuchs an den Unis; 2013 waren dies immerhin 3964 Jungwissenschaftler. Darin liegt aber auch eine verborgene Chuzpe der FWF-Finanzierung: Von den etwa 173 Mio. € an die Unis zahlen diese ob des hohen Personalanteils mindestens etwa 70 Mio. € als Steuern und Abgaben direkt wieder an den Staat zurück. Über den FWF fließen also beileibe keine 202 Mio. € p.a. in den operationalen Bereich der Grundlagenforschung, sondern gerade einmal magere 130 Mio.

Heuer sank die Genehmigungsrate auf etwas über 20 Prozent, was massiv vor allem dem exzellenten jungen Nachwuchs auf den Kopf fällt und den FWF zu einem Moratorium der Annahme von Anträgen zu den so wichtigen Doktorandenkollegs zwang. Dem FWF stehen für den Zeitraum 2016 bis 2018 insgesamt rund 550 Mio. Euro zur Verfügung. Er wäre damit „gesichert“, hieß es. Er brauchte aber zur Erfüllung seiner Kernaufgaben 900 Mio., also nicht 200, sondern 300 Mio. € pro Jahr. So schneidet sich Österreich wohl aus Mangel an politischem Willen für diese vergleichsweise kleine Budgetumschichtung bezüglich Zukunftsfähigkeit, Kreativitätsförderung und auch Attraktivität des Wirtschaftsstandorts tief ins eigene Fleisch. Und niemanden scheint dies sonderlich zu kümmern.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2014)

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