Objektivität und Manipulation in der Naturwissenschaft

Beim Auslegen von Wissenschaft lauern in der politischen Praxis wie in ideologischen Interessen profunde Gefahren.

Rationalität, aufgeklärtes Denken und wissenschaftlich begründete Entscheidungen werden immer wichtiger – gerade in einer Zeit, da die Politik weltweit damit ausgelastet scheint, ständig Katastrophen und Krisen hinterherzuhecheln. Sonnenklar etwa, dass es einer strikt laizistischen Äquidistanz des Staates zu allen Religionsgemeinschaften bedarf, will man ein gedeihliches Zusammenleben in einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft erreichen. Das gegenwärtige Flickwerk von spezifischen Regeln und Privilegien kann auf Dauer nur zu Konflikten führen. Aber was man heute nicht regelt, ist eben die Krise von morgen.

Neben der offensichtlich rationalitätsresistenten politischen Praxis lauern profunde Gefahren auch in den ideologischen Interessen beim Auslegen von Wissenschaft. So testeten die Psychologinnen Cat Thrasher und Vanessa LoBue (beide Rutgers-Universität, USA) die Reaktion von Babys auf Schlangen und fanden eher Interesse als Angst. Diese Ergebnisse wurden im „Standard“ (24.10.) in einer „Angst vor Schlangen und Spinnen nicht angeboren“ betitelten Notiz mehr schlecht als recht zusammengefasst. Das Journal wurde falsch geschrieben, die Babys wurden mit sechs bis neun Monaten getestet, nicht, wie berichtet, mit elf Monaten. Und es ging um Schlangen, nicht um Spinnen und Schlangen.

Why bother? Seit Edward Thorndike und Frederic Skinner zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war die Psychologie stark von der behavioristischen Lerntheorie beeinflusst. Man vertrat die heute seltsam klingende Idee, dass sämtliches Verhalten erlernt sei, dass also die Evolution ausgerechnet im Mentalen keine Spuren hinterlassen hätte. Dies war vor dem Hintergrund der Machbarkeitsideologien sowohl in den USA als auch in der damaligen UdSSR verständlich, aber falsch war es dennoch. Mit handfesten negativen Auswirkungen in der Praxis ist dieser Irrglaube gerade in Entwicklungspsychologie und Pädagogik immer noch präsent.

Die verbreitete Furcht vor Spinnen und Schlangen spielt in der Erforschung der Entwicklung von Ängsten eine wichtige Rolle. Nun stellt sich heraus, dass Angst vor Schlangen nicht einfach von Geburt an vorhanden, sondern als spezifische Lernbereitschaft angelegt ist. Was kann man daran ideologisch missverstehen? Noch dazu, da man schon lange um die tumbe Unfruchtbarkeit des immer noch beliebten Dualismus Angeboren/Erlernt weiß. Schon Konrad Lorenz prägte den Begriff des „angeborenen Lehrmeisters“ für unsere evolutionären Lernbereitschaften, die später Peter R. Marler noch treffender „instincts to learn“ nannte.

Babys entwickeln also – wenn überhaupt – erst, wenn sie selbstständig laufen gelernt haben, eine Angst vor Schlangen, wie auch vor Spinnen oder Felltieren. Dafür sorgt eine altersspezifisch angelegte Lernbereitschaft. Natürlich sind diese Ängste nicht im Wortsinn „angeboren“.

Die scheinbar harmlose Überschrift „Angst vor Schlangen und Spinnen nicht angeboren“ suggeriert aber etwas anderes: Sie leugnet implizit evolutionär entstandene Lernbereitschaften und untermauert damit ein falsches Menschenbild, das in der Praxis bereits viel Schaden angerichtet hat. Sie ist auch eine gefährliche Verkürzung, weil sie zur ideologischen Verdummung beiträgt. Ein harmlos daherkommender Missbrauch von wissenschaftlichen Erkenntnissen also, das Gegenteil von Aufklärung eben.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2015)

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