Bildung ist angesagt. Man wüsste schon lange, wie es geht. Aber anstatt die Frühförderung flächendeckend anzugehen und endlich die maria-theresianische Schulstruktur zu kippen, g'schaftelt man an Nebenschauplätzen. Zum Beispiel an der „Objektivierung der Bildungsstandards“. Vordergründig schaut es natürlich gut aus, wenn man überprüft, ob die Absolventen aller Schulformen in Österreich über ein gewisses Mindestwissen verfügen. So lassen sich trefflich Leistungszahlen generieren und „objektive“ Rankings zwischen Schulen erstellen.
Der Pisawahn durchdringt weiter die Schulen, die immer mehr allein dafür verantwortlich gemacht werden, die Kinder fit für die Leistungsgesellschaft zu machen. Aus einem Amalgam von Misstrauen gegen Schulen und Lehrer, einer blinden Zahlen-, Sach- und Kontrollorientierung und Elterndefiziten entsteht Druck hinter der Forderung nach evaluierbaren Mindeststandards.
Dabei sind die Erfahrungen mit diesen Überprüfungen in anderen Ländern nicht berauschend. So etwa dominiert in den US-Pflichtschulen das „teaching to the test“; es wird vorwiegend gelehrt, was immer die Ergebnisse der Schüler bei diesen Einheitstests optimiert. Kreativität der Lehrer, Persönlichkeitsbildung und Zusammenhänge bleiben auf der Strecke. Ein schlechtes Testergebnis schadet der Schule. Daher müssen dort die Lehrer unter Druck das Falsche unterrichten.
In einer Zeit exponentiell explodierenden Wissens kann reine Wissensvermittlung an den Schulen und Universitäten nur mehr Nebenfront sein. Dennoch wird nach altem Schema betrichtert, die meisten unserer Maturanten 14 Jahr lang. Längst schon ist unsere „Reifeprüfung“ zur Bildungsposse verkommen. Ihr geht eine genaue Stoffabsprache voraus, damit die Kandidaten vor der Kommission zur allgemeinen Zufriedenheit glänzen können. Nur keine anderen Fragen! Das nennen wir dann „Allgemeinbildung“.
Wenige Monate später verfügen dieselben Maturanten an den Unis über erstaunlich wenig Prozesswissen und Initiative – und müssen plötzlich gegen zielstrebige Kolleginnen aus Deutschland bestehen. Die Matura ist nur noch potemkinsche Bildungsfassade. Selbst manch fehlgeleitete Eltern versuchen bereits ihre Zweijährigen mechanisch mit Wissen vollzustopfen, obwohl man weiß, dass einzig liebevolle Frühbetreuung, Zuwendung, Vorlesen, Sprechen mit dem Kind den Sprössling sprachlich und kognitiv fit für eine komplexe Gesellschaft machen können.
Primär müssen Schulen sich mit der Gesellschaft sozialisieren, die Unis mit der Kultur des wissenschaftlichen Denkens und mit dem Vernetzungs-Know-how. Prüfungen, Matura, Sponsion, Promotion sind daher vor allem Initiationsriten, nicht aber Wissensstands-Feststellungen. Natürlich ist Wissen im Kontext nötig, um den Scharlatanen aus allen gesellschaftlichen Bereichen nicht naiv ausgeliefert zu sein. Aber Wissen per se kann ziemlich doof sein, wenn es nicht klug und weise vernetzt wird.
Die Schulen leiden immer mehr unter dem Quantitätswahn, der sich auch schon munter an den Universitäten breit macht. Es ist zu befürchten, dass durch das Testen einheitlicher Bildungsstandards die Schulen nicht an Qualität gewinnen werden und der Weg in die Trivial-Pursuit-Gesellschaft munter weitergeht.
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2011)















