Rudolf Taschner und die Mystik des „Unerklärlichen“

Vielen Dank, Herr Professor, dass Sie alle für beschränkt erklären, denen das Denken im Geist der Aufklärung ein Anliegen ist.

Rudolf Taschner wäre als hochgebildeter und didaktisch begnadeter Mathematiker ein höchst würdiger Vertreter der Species „Wissenschaftler des Jahres“ (2004), wenn er nicht immer wieder ein seltsames Verständnis von Wissenschaft erkennen ließe. Sein „Quergeschrieben“ etwa in der „Presse“ vom 1. 12. zum norwegischen Massenmörder Anders Breivik scheint paradigmatisch zu sein auch für andere intellektuelle Österreicher.

Zudem sind wir laut Eurobarometer-Umfragen mit unserem Desinteresse an der Wissenschaft ohnehin Europaspitze. Daher kann man nicht einfach schweigen, wenn er etwa meint, dass jene norwegischen Psychiater, die eine klare Diagnose zur Geisteskrankheit des Mörders Breivik stellten, einen „Tunnelblick“ hätten und durch das „Aufzeigen von Ursachenketten das Böse banalisieren“.

Taschner schreibt weiter: „Worin, so fragt sich der von der Wissenschaft Überzeugte, für den die Seele nichts anderes als ein Spuk und das Verhalten (...) nichts anderes als durch Vererbung und Umwelt verursachtes Tun ist, besteht denn der Unterschied zwischen krank und böse? Und er wird die Antwort nicht verstehen, die da lautet... “. Vielen Dank, Herr Taschner, dass Sie in Ihrer unendlichen Weisheit all jene für beschränkt erklären, denen das Denken im Geist der Aufklärung ein Anliegen ist.

Das erinnert fatal an jene „Vitalisten“, die noch in den 1930er- Jahren meinten, der „Instinkt“ wäre einer wissenschaftlichen Erklärung weder zugänglich noch bedürftig. Mit ihrer „Vis vitalis“ hielten sie sich ein Schlupfloch in die Metaphysik offen. Damals meinte Konrad Lorenz, der Begründer einer tatsächlichen Naturwissenschaft vom Verhalten, dass Verhalten und geistige Leistungen ausschließlich auf die „physiko-chemischen“ Vorgänge im Gehirn zurückzuführen sein müssten. Er sollte damit angesichts der modernen Forschungsergebnisse in spektakulärer Weise recht behalten.

Begriffe wie „das Böse“ oder „die Seele“ sind natürlich für Menschen und ihr spirituelles Gehirn relevant. Als naturwissenschaftlich nicht erfassbare Kategorien sind sie aber für eine Erklärung menschlichen Tuns nicht heranzuziehen. Auch kann man mit ihrer Hilfe alles oder nichts begründen. Daher haben solche Kategorien in der Entscheidungsfindung von Legislative und Exekutive nichts verloren. Schon gar nicht zu einer Zeit, in der Naturwissenschaftler immer besser kausal erklären können, wie das menschliche Gehirn funktioniert, wie etwa das soziale Umfeld zur Reifung des Entscheidungshirns, unserer Empathiefähigkeit oder der sozialen und intellektuellen Kompetenz beiträgt etc.

Kulturgeschichtlich ist der Begriff der Seele eng mit der Evolution der menschlichen Psychologie und Spiritualität verknüpft, aber zur rationalen Erklärung unserer oft irrationalen Handlungen taugt er nicht. Und „das Böse“ fördert Abwehr- und Vernichtungsreflexe, die ja auch im Text Taschners stecken, erklärt aber nichts. Die Gesellschaft sollte aus naheliegenden Gründen dringend danach streben, zu verstehen, wie es etwa zur Tat Breiviks kam.

Taschners Mystik des „Unerklärlichen“ setzt den Wissenschaftler in ein seltsames Licht. In einer Zeit, in der die Neuro- und Verhaltensbiologie, die Psychologie und Genetik weit fortgeschritten sind, auch menschliches Handeln zu erklären, trägt die Mystik einer vergangenen Zeit nichts mehr dazu bei.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2011)

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