Vergangenen Sonntag hatte ich die Ehre, als einer von vier „Promis“ im Ö1-Quiz für „Licht ins Dunkel“ mein durchsetztes Allgemeinwissen testen zu lassen. Was als Partner der charmanten Ursula Strauss durchaus ein famoses Vergnügen war. Wenn auch mit ambivalenten Gefühlen. Denn als Wissenschaftler verabscheue ich den Promi-Zirkus sozusagen von Natur aus.
Interessant allerdings, dass es „Promis“ überhaupt gibt. Leute also, auf die man irgendwie einmal aufmerksam wurde und die im Grunde deswegen interessant bleiben, weil sich viele andere für sie interessieren. Dennoch ist Promitum kein Perpetuum mobile, sondern nährt sich aus den handfesten Interessen derjenigen, die davon leben: die Promis selbst, allen ihren gegenteilige Aussagen zum Trotz in trauter Allianz mit jenen Medien, für welche dieser Zirkus Geschäftsmodell ist. Das funktioniert aber auch nur wegen des interessierten und zahlenden Publikums.
Wie die intensiv gehaltenen Schweine ihre elende Existenz den Billigfleischkäufern verdanken, lebt der Promizirkus vom Absatz der Regenbogen- und Boulevardpresse und von den Einschaltquoten der „Seitenblicke“. Die natürlich ernsthafte Staatsbürger und Wissenschaftler wie mich ganz und gar nicht interessieren.
Ein seltsames Phänomen, dass eine Mehrheit an den Reichen und Schönen interessiert ist. Anders formuliert, an jenen wenigen Prozent, denen der Großteil des Volksvermögens gehört (die „Promis“ beim sonntäglichen Ö1-Quiz mal ausgenommen). Trotz aller Appelle, uns mehr für die Armen und Kranken dieser Welt zu interessieren und zu engagieren. Was zum gewissensberuhigenden Spenden führt, aber mit den Begünstigten zu tun haben wollen wir im Allgemeinen nicht.
Mit dieser asymmetrischen Aufmerksamkeit von unten nach oben sind Menschen nicht allein, sie ist uns evolutionär in die Wiege gelegt. So zeigen zahlreiche Studien zum sozialen Lernen bei Tieren, dass die Hochrangigen den Niederrangigen zwar zuschauen, wenn es einfach etwas zu holen gibt, dass sich aber Traditionen vor allem dadurch ausbreiten, dass die Niederrangigen, die Jungen etc. sich dafür interessieren, was die Höherrangigen, die Älteren etc. tun, kaum aber umgekehrt.
So war es verblüffend zu sehen, dass der Herzschlag ruhender Graugänse nur dann steil anstieg, wenn sie die Auseinandersetzungen von Gänsen beobachteten, die höherrangiger waren als sie selbst; wenn sich dagegen Niederrangige prügelten, erregte sie das kaum. Natürlich sind Graugänse keine Menschen, aber ihr Verhalten wirft ein verräterisches Licht auf den Ursprung unserer Promi-Sucht.
Wir sind offenbar darauf angelegt, dass uns die Angelegenheiten der Einflussreichen und Mächtigen mehr interessieren als jene der uns umgebenden „kleinen Leute“, was sich durch eine entsprechende Medienlandschaft bis zum demokratiegefährdenden Götzendienst steigern kann. Dagegen helfen nur Bildung und Aufklärung. Und vielleicht Rollenmodelle wie das saisongemäß aktuelle Christkind, das bekanntlich bettelarm im Stall geboren wird. Aber: Halt! Es wurde ja nicht deswegen populär, weil es das Kind armer Leute war, sondern, weil es von Anfang an durch seltsame Begleitereignisse und das Interesse von Chronisten Aufmerksamkeit bekam. Welcher Irdische könnte den Promi-Faktor von Gottes Sohn schon toppen?
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2011)















