Mit Federn, Haut und Haar
Katerfrühstück, dann Neujahrskonzert und Skispringen mit „Reparaturseidl“ auf der Couch, so die liebste Neujahrsbeschäftigung der Österreicher. Hauptsache, unsere Adler bleiben nüchtern. Alkohol zwischen Genuss, angeregter Stimmung, Exzess und Verblödung, Alkohol als zentrale Droge, Segen und Fluch fast aller Kulturen.
In der Wandlung steht Alkohol im Zentrum des christlichen Mysteriums, mit Alkohol begehen nicht wenige Menschen Selbstmord – auf Raten oder auch sehr rasch. Das Glas Wein versüßt die Liebe, aber Alkohol in der Schwangerschaft führt zu schweren Fehlentwicklungen des fötalen Gehirns. Wein zum gepflegten Essen als Höhepunkt der mediterranen Genusskultur kontrastiert mit dem Wochenendwegsaufen in skandinavischen Ländern, offenbar ein Kulturerbe aus grauer Vorzeit. Und europaweit gilt Komatrinken als schicke Modeerscheinung unter den Jungen. Nicht zuletzt war Alkohol immer die oft final tödliche Musendroge der Kreativen, der Schriftsteller und Maler.
Zur hedonistischen Individualkultur passen unsere mehr oder weniger sozialen Trinksitten. Alkohol als Spaßmacher und Schmiermittel für Kommunikation und Exzess, wie manche Betriebsweihnachtsfeier gerade wieder zeigte. Nicht immer war Alkohol Spaßdroge, er gilt vielmehr auch als eines der ältesten spirituellen Schmiermittel der Menschheit. So glauben manche Paläoanthropologen, dass die Domestikation von Getreide primär nicht der Ernährung diente, sondern der Herstellung von Alkohol. Menschen leben also schon sehr lange mit Alkohol und passten sich unterschiedlich dran an. So kommt der Rausch Japanern billiger als den Europäern mit ihrer robusten Alkohol-Dehydrogenase. Der Spaßfaktor der Berauschung besteht nur in der Anflutphase. Der Abbau der Vergiftung dagegen soll weniger lustig sein, wie man hört.
Alkohol wirkt höchst angstlösend. Sein Einfluss auf das Serotonin- und Dopaminsystem verbessert Laune und Selbstbewusstsein, lässt Gegenwart und Zukunft im rosigen Licht erscheinen, beeinträchtigt aber alle Denkfunktionen, die verlässliches, sozial verantwortliches und zielgerichtetes Handeln ermöglichen. In der Katerphase jedoch dominieren Unsicherheit und Angst. Da muss man entweder durch – oder es wird eben weitergesoffen.
Alkohol war immer schon ein Mittel zur Ausübung von Herrschaft. Soldaten, Schiffsbesatzungen, leibeigene Bauern, alle wurden durch die kurzen Rauschphasen bei Laune und durch die langen Katerphasen in Abhängigkeit gehalten. In einer von den Mechanismen der Wirtschaft beherrschten Gesellschaft verdienen Produzenten, Handel und Staat nicht schlecht, wenn die Bürger kaufen und saufen. Wutbürger in der Anflutphase, Bravbürger wenn nüchtern. Die Kollateralschäden sind aber enorm: 8000 Österreicher sterben jährlich an Alkohol, er verursacht 218.000 Krankenstände, viele Unfälle, massenweise Berufsunfähigkeit.
Kollateralschäden, die vom Sozialsystem getragen werden müssen. Immerhin sind fünf Prozent der Österreicher alkoholkrank, 28 Prozent suchtgefährdet. Immer schon war Alkohol Freund und Dämon, den auch die strikteste Prohibition nicht unter Kontrolle zu bringen vermochte. Es gilt eben, den Freund zu fördern, den Dämon dagegen zu ächten.
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2012)















