Der Staat ist eine einzige kriminelle Vereinigung“, geben Sprayer auf Wiener Hauswänden kund. Ist natürlich Blödsinn, wie alle Pauschalaussagen. Allerdings lässt eine lange Liste von Ausrutschern an einer menschenfreundlichen Staatlichkeit zweifeln – vom Umgang mit Asylsuchenden über das Versagen im Bereich Korruption bis hin zum Tierschützerprozess.
Im Fall der vermutlichen Mörderin Estibaliz C. kann man aber ob der offenen Dummheit und Bösartigkeit der Akteure nur mehr schreien. Natürlich ist das Töten von Liebhabern zum Zwecke des Einbetonierens keine tolerable Gepflogenheit. Aber was kann das Kind dafür, dem der für seine Entwicklung so wichtige Erstkontakt zur Mutter versagt wurde? Aufgrund der Erkenntnislage in Sachen kindlicher Frühentwicklung stellt dies einen veritablen Kriminalfall dar. Noch dazu ist Estibaliz C. keine verurteilte Mörderin. Ihr das Kind wegzunehmen, kommt einer grausamen, völlig willkürlichen und durch nichts zu rechtfertigenden Strafe gleich.
Was immer die Indikation für diesen Kaiserschnitt war – der erste Hautkontakt zur Mutter oder einer anderen Person ist nicht nur für den Beziehungsaufbau wichtig, sondern optimiert die physiologischen Set-Points des Kindes, sowohl seiner Stresssysteme, als auch des „Oxytocin-Beruhigungssystems“, wie etwa bei Kerstin Uvnäs-Moberg nachzulesen ist. Und zwar fürs Leben. Dies bedeutet, dass man mutwillig einen suboptimalen Start des Kindes in Kauf nimmt, wenn man den nachgeburtlichen Hautkontakt zwischen Mutter und Kind unterbindet. Etwa eine Stunde nach der Geburt schließt sich dieses Zeitfenster wieder.
Es verschlägt einem daher den Atem, wenn man liest, dass jedes Kaiserschnittbaby in das 20 Minuten entfernte Preyer'sche Kinderspital zur Untersuchung gebracht werde. Was wahrscheinlich bedeutet, dass es in der Regel zwei Stunden oder mehr dauert, bis die Babys wieder zur Mutter zurückkommen. Angezogen natürlich. Ich bin entsetzt, dass im so wichtigen perinatalen Bereich in den großen Institutionen offenbar immer noch die „satt-sauber-trocken“-Mentalität vorherrscht und dass grundlegende Erkenntnisse zum Start einer gelingenden seelisch-emotionalen Entwicklung immer noch offen und zynisch ignoriert werden.
Entscheidend sind aber auch die darauf folgenden Wochen und Monate. Denn in diesem Zeitraum formt sich im Kind nur über eine sorgsam-sensitive Betreuung durch eine Hauptbezugsperson jener sichere Bindungsstatus (im Bowlby'schen Sinn), der lebenslang seine Fähigkeit und Bereitschaft optimiert, sich vertrauensvoll auf andere einzulassen, soziale Unterstützung zu geben und abzuholen etc. Kurz, die sozialen Kernkompetenzen werden durch eine gute Frühbetreuung viel stärker positiv beeinflusst, als das alle therapeutischen Interventionen später vermögen.
Was daher am Kind der Estibaliz C. und an ihr selber geschah, werte ich als Verbrechen – egal ob aus Gleichgültigkeit, Dummheit oder Bosheit begangen. Ja, Herr/Frau Staatsanwalt, Sie dürfen das Gelesene getrost als offene Anzeige auffassen, um die Ermittlung gegen die Schuldigen in Gang zu setzen. Und als Aufschrei gegen behördliche Unmenschlichkeit in diesem Land, gegen Gewalt an Kindern und Müttern bereits bei der Geburt. Zumal man so bekanntlich die sichere Basis für eine gewalttätige Gesellschaft legt.
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2012)















