Spitzenunterwäsche für Hunde? Gestylte Lebensräume mit Stilmöbeln für Hamster, Meerschwein, Katz und Hund, samt Hundeparfum gegen ordinäre Gerüche? Oder standesgemäß Gourmet-Pasta-Dinner, Makkaroni, Lasagne, Tortellini für Hunde von Italoamerikanern, in feiner Sauce und mit alkoholfreiem Hunderotwein? Nein, bin nicht dem Wahnsinn anheimgefallen. Wohl aber für zwei Tage der „Interzoo“ in Nürnberg, der weltgrößten Heimtiermesse für Wiederverkäufer, 1500 Anbieter. In zehn riesigen Hallen wurden Hunde- und Katzenartikel, Nobelfutter, aber auch traumhafte Aquarien oder Behausungen für Schlange, Vogelspinne, Käfer angeboten. Da ist zudem eine Hundewaschmaschine, und zwei attraktive Models in Dessous und Strapsen werben für Katzenkletterbäume. Nichts, was es nicht gibt, die Realität schlägt die Fantasie bei Weitem.
Selber durfte ich am Stand eines seriösen Konzerns über Mensch-Tier-Beziehung informieren. Was auf dieser Messe sonst noch zu sehen war, überwältigte und machte staunen. Weltweit werkelt eine 60-Milliarden-Euro-Branche, um den Futter- und Zubehörbedarf von Heimtieren abzudecken.
Bzw. die Bedürfnisse von Tierhaltern zu wecken und gewinnbringend zu befriedigen. So kann man in Ostasien seinen Kleinhund offenbar nicht mehr „nackt“ Gassi führen. Die auf das Styling des Halters abgestimmte Haute Couture für Mops & Co. kommt vor allem aus Italien, die Billigversionen aller dekadenten westlichen Verrücktheiten stammen dagegen aus China. Die italienischen Dackelmodedesigner verwehrten uns übrigens das Fotografieren, es handle sich schließlich um die noch geheime Winterkollektion. Das reiche Angebot an Hundetragtaschen und -tüchern sowie Trolleys zeigt, dass das Gassigehen mit Hund gerade eine andere Bedeutung erfährt.
Einerseits wendet man sich mit Grausen, andererseits zeigt das Angebot klar, wohin die Reise in den verschiedenen Weltgegenden und Kulturzonen geht: Einerseits gibt es eine hemmungs- und schrankenlose Vermenschlichung der Tiere als Projektionsflächen unserer Vorstellungen und Bedürfnisse, andererseits wird die Sehnsucht nach Natürlichkeit bedient. Wurden früher in Italien die Kinder hochpreisig aufgemascherlt, so sind es heute eben die Hunde. An sich ist es egal, ob der Hund Brillanten trägt, sein Wohlbefinden hängt an der Beziehung zum Halter. Ob teure Accessoires allerdings ein Indiz für gute Beziehungspflege darstellen, bleibe dahingestellt.
Andererseits werben Hundefuttererzeuger mit dem Wolf, die Katzencracker ziert ein Tigerkopf und Überdrüber-Hundechappi enthält Bisonfleisch (!), selbstredend ohne Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Natürlichkeit pur im Kunstprodukt. Fantastisch gestaltete Aquarien demonstrieren eindrücklich, dass selbst diese Sehnsucht nach Natürlichkeit sich an der menschlichen Natur orientiert. Pflanzen- und Korallenbecken, reichhaltiger als sie die Natur auf so engem Raum je zustande brächte, bilden unsere evolutionäre Ästhetik ab, welcher die Natur gar nicht natürlich genug sein kann. Oder gar nicht künstlich genug, wie die blitzbunten Plastikmüllbecken samt bizarr deformierten Zuchtfischen aus Ostasien zeigten. Wieder was gelernt auf der Heimtiermesse, allerdings vor allem über die Menschen, Tierbeziehung als Spiegel der Gesellschaft eben.
Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.
E-Mails an: debatte@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2012)















