24.05.2013 07:30 Merkliste 0

Menschen sind soziale Tiere: Wir können nicht ohne den anderen

KURT KOTRSCHAL (Die Presse)

Über eine Vorlesungsreihe an der Universität Wien, die sich den wichtigen Aspekten der Mensch-Tier-Beziehungen widmen wird.

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Bindung zu Menschen und Tieren: Die Basis für ein glückliches Leben“ lautet der Titel einer Veranstaltung am 12. Juni um 18.30 Uhr im kleinen Festsaal der Universität Wien. Es handelt sich um die Auftaktveranstaltung einer zweimal pro Semester an der Uni Wien stattfindenden Vorlesungsreihe zu den wichtigsten Aspekten der Mensch-Tier-Beziehung, gesponsert von Mars Österreich. Menschen sind soziale Tiere. Wir können nicht ohne das Du, ohne den anderen – sei es nun Mensch oder Kumpantier – obwohl unsere Gegenüber manchmal ganz schön nerven können.

Am allermeisten werden unsere Stresssysteme durch soziale Beziehungen moduliert; nach oben durch Schul-, Arbeits- und Beziehungsprobleme, Ängste, etc.; nach unten durch die sogenannte „emotionale soziale Unterstützung“, die Partner, Freunde, aber auch vertraute Kumpantiere wie Hunde oder Katzen bieten können. Sie lässt Oxytocin fließen und dämpft die Stresshormone.

Beziehungen sind von der Wiege bis zur Bahre die Wurzeln für Emotionalität, die wiederum den Schlüsselfaktor darstellt für ein erfülltes, gesundes und langes Leben. Alles andere ist eher zweitrangig, sieht man einmal vom Rauchen, Suchtmittelmissbrauch und von extremer Fettleibigkeit ab. Aber selbst diese lebensverkürzenden Risken werden im sozialen Zusammenhang verursacht.

Unser Wissen zur zentralen Bedeutung guter sozialer Beziehungen für den Einzelnen und die Gesellschaft kontrastiert krass mit aktuellen Entwicklungen. Epidemisch grassieren Angststörungen, Depressionen, Burnout – Tendenz steigend. Die Ursachen liegen in Zukunftsangst, Perspektivenlosigkeit, Sinnkrisen, prekären Arbeitsverhältnissen, in einer ständigen Beschleunigung unseres Lebens. Sie treffen auf bröckelnde soziale Beziehungen. Immer schwieriger wird es, angesichts gesellschaftlicher Zwänge und Ablenkungen traute Zweisamkeit oder heile Familie zu leben, in welcher Konstellation auch immer. Das vertraute Du kommt abhanden, das für Stressmanagement und Balance so dringend erforderlich wäre.

Dies trifft zunehmend auch Familien. Babys und Kleinkinder benötigen sensible und zuverlässige Betreuung, um ein „sicheres Bindungsmuster“ zu entwickeln. Dieses bildet wiederum die optimale Basis für vertrauensvolle Beziehungen später im Leben, für eine gesunde Emotionalität und für eine runde soziale und geistige Entwicklung. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen sind einer ruhigen und liebevollen Konzentration auf Kleinkinder in den Familien oder – wenn nötig – in guten Frühbetreuungseinrichtungen nicht förderlich. Es steigt die Zahl der Kinder mit Bindungsproblemen und damit auch die der angesprochenen Probleme in der Gesellschaft.

In ihren Beiträgen am 12. Juni wird sich Judith Solomon (UCLA) der Bedeutung der individuellen Bindung widmen; Andrea Beetz (Uni Rostock und Uni Wien) wird aus pädagogisch-psychologischer Perspektive die positiven Wirkungen von Kumpantieren in diesem Zusammenhang beleuchten; ich selbst werde versuchen, die gesellschaftliche Klammer zu ziehen. Trotz Fokus auf den Menschen soll klar werden, wie wichtig die sozialen Beziehungen zu Kumpantieren gerade in Zeiten wie diesen sein können und was Tierkumpane beitragen können, um zwischenmenschliche Beziehungen und die soziale Entwicklung von Kindern zu fördern.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)

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