Fahrzeugdesign: Der fantastische Mr. Simon

Wie ein Deutscher das Fahrzeugdesign in eine neue Dimension führt.

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Hollywoods Tore gehen für Simon mittlerweile von allein auf. Auch dank seines „Bubbleship“ für den Film „Oblivion“ (im Hintergrund). – (c) Daniel Simon

Daniel Simons Maschinen erinnern ein bisschen an das, was wir als fiebrige Siebtklässler in karierte Hefte gekritzelt haben: Biomorphe Raumkapseln, Mikrojets, Monsterpanzer, Turbinenmonocoques, XXL-Buggys, schamlos laszive GTs oder vielachsige Cabrios, öfter garniert mit heißen Boxenmodellen. Der Unterschied zu uns: Simons Talent ist unermesslich größer, und seine Geduld, diese Fantasien zu perfektionieren, währt bis heute. Zum Glück. Denn sein „Lightcycle“ aus dem 2010er-Sci-Fi-Streifen „Tron: Legacy“ ist so zum Kultobjekt geworden. Und seine Bildbände – vor allem das 2007 erschienene „Cosmic Motors“ – haben das digitale 3-D-Design neu definiert. Heute gilt Simon als der virtuelle Fahrzeuggestalter – finden jedenfalls Auftraggeber
wie Disney, Marvel, Universal Studios und Warner Bros.

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Rennauto der Zukunft mit Anklängen aus der Historie: Simons fiktiver „Masucci X5“ aus dem Buch „The Timeless Racer“  zitiert das Unterdruckprinzip des Chaparral 2J, Porsche 965, Sauber-Mercedes C9 und Jaguar XJR-14. – (c) Daniel Simon

Während Tom Cruise im vergangenen Jahr in „Oblivion“ mit Daniel Simons „Bubbleship“ in den Orbit abhob, packte den Designer die Schwerkraft: Etwas Handfestes musste her, nach all den fiktionalen Eskapaden. Etwas wirklich Straßentaugliches, gern auch auf zwei Rädern. Dann entwarf Simon das Kodewa Lotus C-01, das kürzlich vorgestellte Debütmotorrad der Sportwagenschmiede. Da Bodenständigkeit bei Simon trotzdem aussieht, als lebten wir bereits im Jahr 2025, ist ein atemberaubendes Seriensuperbike entstanden: mit extrem langem Radstand, einer vom Lotus 49 inspirierten Bodyverkleidung und reichlich Leichtbauwerkstoffen wie Kohlefaser und Aluminium. „Manche Extremdesigns könnten nur mit enormem Aufwand in ein straßentaugliches Fahrzeug übersetzt werden, andere Designs bleiben eine schöne optische Utopie“, sagt Simon und deutet auf ein Raumgleiter-meets-Chopper-Modell aus Styropor, das auf dem Balkon seines Studios in Santa
Monica steht. „Für das Lotus-Motorrad haben wir jedoch versucht, Ergonomie, Sicherheit und Emotion zu verbinden – und gleichzeitig ein noch nicht da gewesenes State-of-the-Art-Design abzuliefern.“

Gelernt hat der 39-jährige Stralsunder sein Kunsthandwerk geografisch und mental ziemlich weit von Kalifornien entfernt: an der Fachhochschule Pforzheim, wo die deutsche Autoindustrie ihren Gestalternachwuchs rekrutiert. Doch die Designabteilungen zwischen Wolfsburg und Sindelfingen sind kein Platz für visionäre Experimente. Simon hat diese Ateliers kennengelernt, in denen Lastenhefte, Markengesichter und Baureihenmerkmale eher buchhalterisch gemanagt als kreativ gestaltet werden. Bis 2007 arbeitete er als Senior Designer bei VW und Bugatti, dann verließ er die Sphäre der Kompromisse. Und brütete am Zeichentisch in Berlin unbezahlt über psychedelischen Spaceshuttles und langbeinigen Sexbomben – den Blaupausen seines späteren Erfolgs.

Schließlich kam ein E-Mail aus Hollywood: Ein Verleger wollte Simons Raumschiffe in einem Buch veröffentlichen. So entstand „Cosmic Motors“, das weltweit 35.000-mal verkaufte Erstwerk, ein Riesenerfolg in seinem Genre. Auch Regisseur Joseph Kosinsky besorgte sich ein Exemplar und gab danach bei Simon den Fuhrpark für „Tron: Legacy“ in Auftrag. Seitdem spielt der Ostdeutsche in der ersten Liga der Filmindustrie, für die er Autos, Flugzeuge („Captain America“) und Raumschiffe („Oblivion“) entworfen hat. „Filmarbeit klingt glamourös, ist aber höchst akribisch“, erzählt Simon: „Für jede Produktion habe ich ein Jahr lang nonstop Entwürfe gezeichnet, im Studio Prototypen gebaut, zig Details justiert und schließlich sogar das Filmplakat retuschiert.“
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Simons Durchbruch: Allein für Simons „Lightcycle“ lohnt sich der Film „Tron: Legacy“. – (c) Daniel Simon

Da ist es gut, zwischendurch einmal rauszukommen. Zum Beispiel an eine Rennstrecke: Für den Formel-1-Boliden HRT F111 von Hispania Racing und den Le-Mans-Renner LMP2 von Lotus entwarf Simon 2011 und 2013 die Lackierungen. Mehr kreativen Input ließen Reglements und Aerodynamik nicht zu. Doch das Rennsportvirus hat ihn gepackt. „Mich faszinieren die Zwickmühlen der Konstrukteure, die für einen Speedvorteil im Rennen oft unpraktische Lösungen in Kauf nehmen“, sagt der Designer. „Zum Beispiel stehen die vorderen Radkästen der LMP1-Rennwagen wegen der großen Räder so hoch, dass der Fahrer kaum drüberschauen kann. Für Mark Webber etwa, der gerade aus der Formel 1 in die WEC auf den neuen Porsche 919 Hybrid umgestiegen ist, ist diese Scheuklappensicht eine Riesenumstellung.“ Auch der
Karosserie-Freestyler Simon merkte: Die
totale Fantasie in der Gestaltung, die er sich bislang gönnte, könnte irgendwann langweilig werden. Doch seine Formvisionen mit echter Funktionalität zusammenzubringen – was für eine Herausforderung!

Für seinen aktuellen Bildband „The Timeless Racer“ hat sich Simon deshalb wie ein Motorsportarchäologe durch die Autoliteratur gearbeitet. Und rennhistorische Fakten, Designs und Konzepte recherchiert: Die Unterdruckabtriebstechnologie aus den 1970er-Jahre-Rennwagen Chaparral 2J und Brabham BT46 kommt im virtuellen „Masucci X5“ zurück, andere Simon-Racer setzen Hybridsysteme aus Gasturbinen und Elektromotoren ein.

So ist nicht nur der Nachfolger zu „Cosmic Motors“ entstanden, sondern auch eine Heldensaga, die durch fiktive Rennkalender zwischen 1981 und 2027 kurvt – und dabei Vorlagen wie „Total Recall“, „Le Mans“ und die „Michel Vaillant“-Comics streift. Sein „Timeless Racer“ startet schließlich im 48-Stunden-Rennen von San Diego, in dem das Auto teilweise autonom pilotiert wird. „Wenn irgendwann der Wagen ohne schneller als mit Fahrer fährt – was passiert dann mit dem Rennsport?“, fragt sich Simon. Und fand Antworten, die in der Branche gut
ankamen: Jacky Ickx schrieb zu „Timeless Racer“ das Vorwort, der Audi-Pilot und zweifache Le-Mans-Sieger André Lotterer schickte Tipps aus Cockpit und Boxen-
gasse.

Da Simon ein Meister des 3-D-Renderings ist, wirken die Bilder der erfundenen Rennwagen, Tracks und Fahrer faszinierend echt. Der Grund: ihre extreme Detailtreue. „Der Schlüssel für das perfekte Bild liegt nicht im Hochglanz, sondern in den vermeintlichen Fehlern“, sagt Simon. Denn ohne Reflektionen, Schatten, Schmutz oder Kratzer wirke jede Animation leblos. Dafür rennt der
Designer stundenlang durch L. A. und fotografiert abgerockte Vans. Erst wenn er dann den realen Dreck auf die Flanken seiner digitalen Boliden kopiert hat, ist für Simon ein sauberes Bild entstanden.
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Simons Vorschlag für weltlichere Abenteuer: schöne Frauen und monströse Gran Turismos. – (c) Daniel Simon

Viele Marken entwerfen derzeit exklusive virtuelle Modelle, etwa für Computerspiele. Deshalb arbeiten in den Designstudios der Autohersteller immer mehr Kollegen im Simon-Stil – und dürfen dafür manchmal Fußgängerschutz und Knautschzonen vergessen: Ein bisschen ist das dann auch der Einfluss des Aussteigers Simon, dessen wilde Fantasien längst im unterbewussten Fuhrpark vieler Autofans stehen. Dass er mit der Lotus-Maschine nun sein erstes eigenes Straßenvehikel designt hat, daraus will Simon kein großes Ding machen: „Ich bin ja aus dem Volkswagen-Konzern komplexe Aufgaben für ein produktionsreifes Fahrzeug gewohnt“, sagt der Designer. „Deshalb war eine Kooperation mit einer großen Marke für mich kein Neuland.“ Dennoch könnte das Lotus-Bike der Türöffner sein: zu einem Daniel-Simon-Auto, das nicht nur in Filmen und Büchern fährt, sondern in der Realität. Etwa als aufregende Maßnahme gegen den markenübergreifenden Ähnlichkeitswahn.

Kodewa Lotus C-01

Designikone mit begrenzter Stückzahl: Die nur 100 Exemplare dürften eher an Sammler statt an Racer gehen.

Motor: V2-Zylinder, Viertakt
Hubraum: 1195 ccm
Leistung: 200 PS
Gewicht: 180 kg
Preis: ca. 100.000 Euro

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