Kirche in Europa: Benedikts großes Sorgenkind

05.03.2013 | 18:12 |  von anne-catherine simon (Die Presse)

Die meisten Katholiken sind (innerlich) Protestanten, und selbst für die Polen wird Religion unwichtiger: Hat der Vatikan in Europa noch eine Chance?

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Bis zum 15.Jahrhundert existierte die katholische Kirche praktisch nur in Europa. Heute klingt der berühmte Satz Kardinal Königs, Europa stehe „im Zeichen des Kreuzes“, nur wie ein Nachhall ferner Zeiten. König hatte hinzugesetzt: „Wenn die Vertikale immer schwächer wird, bleibt schließlich ein Minuszeichen.“

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Wie misst man die Länge der katholischen „Vertikalen“ in Europa, dem großen Sorgenkind des zurückgetretenen Papstes, dem am stärksten säkularisierten unter allen Kontinenten? (Um ein Extrembeispiel zu nennen: Bei einer internationalen Umfrage 2012 gaben in Ostdeutschland knapp 60Prozent an, nie an Gott geglaubt zu haben, in den USA nur vier Prozent.)

Dem statistischen Jahrbuch des Vatikans zufolge beherbergt Europa derzeit knapp ein Viertel aller Katholiken weltweit, und ihr Anteil an der europäischen Gesamtbevölkerung hat sich in den letzten Jahrzehnten nur geringfügig verändert. Aber wer ist ein Katholik?

 

Getauft ist gleich katholisch?

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es die Kirchensteuer, also auch eine staatlich registrierte Mitgliedschaft, also auch die Möglichkeit des Kirchenaustritts. Der schlägt sich in den sinkenden Mitgliederzahlen nieder (von denen übrigens trotz fehlenden Zölibats und Priesterinnen die Protestanten genauso oder sogar noch stärker betroffen sind).

Anderswo aber gilt: Wer getauft ist, zählt mit. Und so gelten etwa in Polen immer noch 90 Prozent der Bürger als Katholiken, in Spanien und Italien rund drei Viertel. Dort wie auch in Irland hat die Kirche noch eine große öffentliche Bedeutung, und es gibt viele praktizierende Katholiken. Aber selbst in den traditionellen katholischen Hochburgen zeigen Umfragen starke mentale Veränderungen: Für die Polen etwa rangiert Religion auf der Prioritätenliste nur noch auf Platz sieben hinter anderen Dingen wie Familie und Beruf.

Soll man die Stärke der katholischen „Vertikalen“ an der Zahl der Messebesucher messen? In Frankreich etwa, das zu zwei Dritteln als katholisch gilt, besucht nur eine winzige Minderheit regelmäßig die Messe. Und sogar im offiziell zu 80 Prozent katholischen Spanien sind es nur noch 20 Prozent.

Oder misst man sie an den Glaubensüberzeugungen? Da zeigt sich, dass die meisten „Katholiken“, was ihren Glauben betrifft, viel eher Protestanten sind; dass etwa in Österreich nur noch 13Prozent glauben, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde; oder dass von den regelmäßigen Kirchgängern in Frankreich 13 Prozent gar nicht an den Himmel glauben.

 

„Messebesuch kein Indikator“

Aber immer noch geben sehr viele an, irgendwie an Gott zu glauben (in Österreich gut die Hälfte der Befragten). Sind das Anwärter für eine erhoffte Neuevangelisierung? Vor wenigen Monaten erst fand die vom Papst dazu einberufene „größte Synode der Neuzeit“ statt, auf der auch viel von Glaubenskommunikation mittels Social Media geredet wurde.

Dennoch habe man die ungeheuren Veränderungen nicht genau genug erfasst, sagt Michael Kuhn, Referent für EU-Agenden bei Österreichs Bischofskonferenz und Mitglied der „Comece“ (Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft). „Der Umbruch ist tief greifender, als wir uns vorstellen können. Alle institutionalisierten Formen verlieren an Bedeutung, auch in der Politik, und wir wissen noch nicht, wie die neuen Formen aussehen werden.“ Am Messebesuch etwa könne man nicht mehr Religiosität ablesen: „Manche gehen stattdessen eine Woche ins Kloster oder praktizieren Achtsamkeit im Alltag.“

Ein Beispiel, wie man erfolgreich auf die veränderten Mentalitäten reagieren kann, ist für Kuhn der „Orden auf Zeit“, den die Franziskaner in den Niederlanden anbieten. „Es erinnert an buddhistische Länder, wo ein Jugendlicher für bestimmte Zeit Mönch wird. Er nimmt von dieser Lebensform sicher etwas mit. Es geht darum, solche neuen Formen zu finden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2013)

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161 Kommentare
 
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Die christliche Religion ist bei den römischen Sklaven modern gewesen,

nicht bei den Kindern der Professoren.

Die Pendelbewegung ist zwangsläufug vorgegeben. Im kommenden Krieg werden sich auch.die vielen Halbgebildeten wieder besinnen. Nicht der Vatikan zählt, wie der Verfasser tippte, der ist nur Hirte.

Gehen sie an einem Alltag zu einer Abendmesse. Dort sehen sie wie die Zukunft der Kirche in Europa aussieht.

Überalterung. Inhaltliche leere und eine riesige Sündteure Infrastruktur ohne Kirchensteuer kaum aufrecht zu erhalten. Kaum ein zukunftsweisendes Programm. Attraktivität auf dem Nullstand. Aufgrund der Missbrauchswelle ein mehr als zwielichtiges Image. Ist die frage genügend beantwortet?

Re: Gehen sie an einem Alltag zu einer Abendmesse. Dort sehen sie wie die Zukunft der Kirche in Europa aussieht.

Welches "Programm"? Also, wenn die FEIER der Eucharistie nicht DAS Programm schlechthin ist, dann haben die "Gläubigen" nichts von Jesu Lehre begriffen! Ich geh jeden Tag - wenn es mir beruflich möglich ist - zur Eucharistiefeier. Und es interessiert mich nicht, ob es eine Stille Messe oder eine mit Kirchenchor ist. Wichtig ist das innere Mitfeiern vom Kreuzzeichen bis zur Sendung, die leider mit einer Entlassung in Frieden verwechselt wird. Die Priester müssten bei den Sonntagspredigten die Leute aufklären, was wirklich Sache ist und nicht irgendwelche Kuschelpredigten in der Minimaldauer von 7 Minuten hersagen.

Re: Re: Gehen sie an einem Alltag zu einer Abendmesse. Dort sehen sie wie die Zukunft der Kirche in Europa aussieht.

Die Wandlung und die Kommunion sowie die zu ihr hinfuehrende Liturgie sind der zentrale Vorgang der Messe. Alle andere ist nebensächlich, so wie etwa Predigten von theologisch nur halbgebildeten Priestern. Mit Ausnahme der Hochämter an hohen kirchlichen Feiertagen wären sog. "Stille Lateinische Messen" die wohl beste Form, wenn man das sehr oft fast lächerliche Brimborium (wie Händeschütteln und die verschiedenen "Turnuebungen") bedenkt.

Benedikts großes Sorgenkind?

Er wird bald seiner Sorgen entledigt werden.

Angeblich wird die direkte Leitung zu ihm, von und zum Himmel mit der Ausrufung des neuen Papstes, gekappt.

Re: Benedikts großes Sorgenkind?

Die direkte Leitung heißt GEBET - was soll da gekappt werden? Versuchen Sie es selbst! Sie werden staunen!

Re: Re: Benedikts großes Sorgenkind?

Sie können Ihren imaginären Freund natürlich nennen wie Sie wollen - aber ist nicht Harvey der übliche Standard?

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Man wird ja sehen, oder der nächste Nachwuchs so toll ist.


Re: ... der nächste Nachwuchs?

Warum wollen Sie auf den nächsten warten, wo doch alle Welt an seinem Nachwuchs interessiert ist?

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Ein gläubiger Christ betet.

Das bedeutet, er bettelt damit seinen allwissenden und allmächtigen (was übrigens auch in sich widersprüchlich ist) Gott darum an, Seinen Göttlichen Plan(TM) zu ändern - nur weil er (Christ) als kleiner und unbedeutender Mensch unter vielen, ihn darum anbettelt. Daß das gleichzeitig auch noch etliche andere Christen tun, ist ihm wurscht. Weil es ihm nur um seinen Wunsch geht.

Wenn das nicht ein schlagender Beweis für die grenzenlose Eitelkeit, Arroganz, Egozentrik und Hybris der Christen ist , dann weiß ich auch nicht mehr...

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Re: Ein gläubiger Christ betet.

Wie dumm, ein paar fragmentarische, undurchdachte Behauptungen fuer 'schlagende Beweise' zu halten (auch wenn sie von Pop-Atheisten wie Hitchins oder Dawkins abgeschrieben wurden). Was ist zB. mit Gebeten des Dankes und der Anpreisung, und was ist falsch an einer frommen Bitte, zB. um das Wohlergehen Anderer, oder um Gnade des Glaubens ? Ein goettlicher Plan kann sehr wohl beinhalten, Gebete als wirksam zu betrachten und/oder den Menschen freie Entscheidung zu gewaehren. .. rein logische Betrachtungen, unabhaengig davon ob man an Gott glaubt oder nicht. Und zu deinem letzten Satz: falsch, denn nun weisst du doch mehr.
:-D

Re: Ein gläubiger Christ betet.

Die Stossgebete sind schlicht und ergreifend Unfug. Eines der seltenen Themen bei denen Atheisten und Vatikan übereinstimmen.

Re: Re: Ein gläubiger Christ betet.

Haben Sie jemals "Gott sei Dank!" gesagt?

Re: Re: Re: Ein gläubiger Christ betet.

Sie haben mein Posting nicht verstanden, kann das sein?

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Re: Ein gläubiger Christ betet.

Tatsächlich habe ich schon einige Sektierer von diesem logischen Unsinn abbringen können. Die beten wie die Sozialisten für einen Himmel auf Erden.

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Re: Ein gläubiger Christ betet.

Eher ein Beweis fuer deine eigene Hybris in der du vermeinst zu wissen, um was Betende beten. Gott ueber alles zu lieben und den Naechsten mehr als sich selbst ist das Gebot, da gilt es bei den Meisten wohl schon ein wenig zu 'betteln' um diese Groesse in Bescheidenheit zu erlangen.
Und wieso soll es nicht egal sein, dass auch andere beten ??? Und inwiefern besteht zwischen Allmaechtigkeit und Allwissenheit ein Widerspruch (ausser dass du es irgendwo gelesen hast), und wieso ist es ein "innerer" Widerspruch, was immer ein "innerer" Widerspruch im Gegensatz zu einem nicht-inneren ist?
:-D


Re: Ein gläubiger Christ betet.

nichtwissen ist auch ein wissen, eben NICHTWISSEN.

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Re: Re: Ein gläubiger Christ betet.

Natürliches Teilwissen ist das. Nichtwissen wäre wenn er/sie von keiner der vielen christlichen Abzweigungen was wüsste.

Die meisten evangelischen Gläubigen kennen das Alte Testament und die Apokalypse viel besser als die 4 Evangelien.

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die grenzenlose Eitelkeit, Arroganz, Egozentrik und Hybris der Christen

............. Ergänzung: .... grenzenlose Dumm.heit ...........

Re: Ein gläubiger Christ betet.

interessant, wie engagiert sich kommentatoren um die religiosität anderer menschen kümmern und sie diese auch noch klassifizieren. die geforderte -sehr selektive-toleranz für das eine geht mit intoleranz gegen andere einher. : keine toleranz mit intoleranz:

Re: Ein gläubiger Christ betet.

gläubige Christen beten allerdings nicht 5mal am Tag.

Re: Re: Ein gläubiger Christ betet allerdings nicht 5mal am Ta

Er betet ununterbroch. Das Leben eines wahren Christen ist ingesamt ein Gebet!
.
Gilt übrigens auch für Christinnen!

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vatikan`s rolle

nachdem der entsorgungsprozess des christlichen in europa auf touren kommt, ist es bloss eine zeitfrage, bis die islamisierung die kritische grösse überschritten hat, um nicht nur im kindergarten-volksschulbereich, sondern auch im alltag noch bemerkbarer zu werden. nachdem die kirchengegnerschaft beachtlich ist, würde sich in dieses vakuum der eu-betritt der türkei anbieten. dann wären in europa klare mehrheitsverhältnisse geschaffen.-

Re: vatikan`s rolle

die türkei wird europa übernehmen ohne dass auch nur ein schuss fällt. was dann passiert ist allerdings eine andere frage.

Re: Re: vatikan`s rolle

rot-grün und die wirtschaft glauben jetzt schon daran. koran und hadithen lesen.

Volksbegehren

Kirchenvolksbegehren 15ter bis 22ter April nicht vergessen. Damit wir "unser Sorgenkind" Schönborn schneller los werden.

 
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