20.05.2013 05:24 Merkliste 0

Warum es Italiener nach Österreich zieht

24.07.2012 | 17:18 |  VON MILAGROS MART?NEZ-FLENER (Die Presse)

Früher kamen die Italiener auf der Suche nach Arbeit ins Land. Saisonarbeiter wie die Eisverkäufer gibt es nach wie vor, doch die klassischen Klischees wie das vom italienischen Pizzabäcker haben sich längst überlebt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. „Ich heiße Lino, so wie Lino Ventura – mit dem Unterschied, dass ich noch lebe.“ Lino Ghezzo stellt sich mit einem charmanten Lächeln vor. Er ist einer von rund 16.000 Italienern, die heute in Österreich leben. Vor 40 Jahren kam er der Liebe wegen nach Wien. So wie Paolo Manganiello, der seine Frau, eine Wienerin, vor 26 Jahren während eines Urlaubs in London kennenlernte. Und auch Emanuela, die über ein Erasmus-Stipendium nach Wien kam und sich in einen Österreicher verliebte. Danach blieb sie in Wien. Und auch nachdem die Liebe vorbei war, „entschloss ich mich, trotzdem hierzubleiben“, erzählt sie, „weil mir die Stadt so gut gefällt“.

Italienern wird generell eine offene Mentalität zugesprochen. Sie argumentieren das unter anderem auch damit, dass sie nicht nur mit Italienern, sondern oft auch mit Österreichern Beziehungen eingehen, auch Partnerschaften und Ehen mit Lateinamerikanern, Polen, Bosniern und Japanern sind nicht ungewöhnlich. „Die Italiener reisen viel um die Welt und haben wenig Angst vor dem Fremden“, sagt Christian Stampfer aus Südtirol, der selbst mit einer Polin verheiratet ist. Im Jahr 2009 verzeichnete der österreichische Verein Fibel über 83 binationale Ehen mit einem italienischen Partner.

2140 in Wien geborene Italiener gehören der zweiten Generation an. Wie viele von ihnen, die um die 40 Jahre alt sind, noch Italienisch sprechen, ist unklar. In den 50ern schämten sich viele, auf der Straße Italienisch zu sprechen, da sie verspottet wurden.

In den 60er- und 70er-Jahren war die mehrsprachige Erziehung der Kinder sehr umstritten. „Meine Mutter wollte uns auf keinen Fall zweisprachig erziehen“, erzählt Michael, der Sohn von Lino Ghezzo. „Sie hatte Angst, dass wir weder Deutsch noch Italienisch richtig lernen“, ergänzt er. Da sie in Wien lebten, stand es für sie außer Frage, dass ihre Kinder Deutsch lernen mussten. Und so ging bei Michael und seinem Zwillingsbruder Alexander die Muttersprache des Vaters verloren – was er bis heute sehr bereut.

Unterstützung beim Lernen

Heute ist die mehrsprachige Erziehung der Kinder kein Problem mehr. Hinzu kommt, dass die Kinder in Wien Unterstützung erhalten, etwa durch den vom italienischen Außenministerium mitfinanzierten Kindergarten sowie durch die italienische Schule, die in der Minoritenkirche Unterricht auf Italienisch anbietet.

Als seine Tochter geboren wurde, nahm sich Christian Stampfer vor, mit ihr Italienisch zu sprechen, gab aber wenige Monate später auf. Mit den eigenen Kindern Italienisch zu sprechen, wirkte für den Südtiroler künstlich, da in seiner Familie kein Italienisch gesprochen wird. Und trotzdem besteht für ihn kein Zweifel, dass er ein „vero Italiano“ ist. „Ich liebe Italien, seine Kultur und die Squadra Azurra“, sagt er stolz.

Die dritte Generation der Italiener spricht im Gegensatz zur zweiten häufig kein Italienisch mehr. Dies liegt nicht nur daran, dass sich Italiener rasch integrieren, sondern auch daran, dass die kulturelle Umgebung verloren gegangen ist. „Oft sind die Großeltern schon verstorben und mit den in Italien lebenden Verwandten gibt es nur eine entfernte Beziehung“, meint Christian Stampfer.
Die Liebe war jedoch nicht immer der Hauptgrund für die italienische Einwanderung. Schon im 16. Jahrhundert wurden aus Italien Künstler geholt, aber auch Saisonarbeiter für die Erledigung von niedrig qualifizierten Arbeiten. Als im 19. Jahrhundert die Semmeringbahn gebaut wurde, lebten in Wien und Umgebung bis zu 30.000 Italiener, die nach Beendigung der Arbeiten aber wieder abreisten.

Heute hat sich das Bild der Italiener stark von den alten Vorstellungen und Klischees gelöst. Dass Italiener etwa vor allem als Pizzabäcker oder Eisverkäufer arbeiten, ist nur mehr Legende. Heute findet man in der italienischen Community Bankangestellte, Juristen, Museologen, EDV-Programmierer, Eventmanager – und sogar Mitarbeiter im Parlament. „Was wir nicht mehr finden“, meint Paolo Manganiello, „sind Handwerker.“ Und abgesehen davon – viele Pizzerien werden längst von Türken oder Kroaten betrieben, echte Italiener haben hier Seltenheitswert.

Auf einen Blick
Italiener in Wien: Im 16. Jh. kamen zahlreiche Künstler aus Italien nach Österreich. Im 19. Jh. waren Italiener häufig als Arbeiter tätig, aber auch als Straßenverkäufer von Küchengeräten – von dieser Tätigkeit stammt auch die abwertende Bezeichnung „Katzelmacher“ (Kesselmacher), die nach dem 1. Weltkrieg aufkam.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

6 Kommentare
Gast: total crash
25.07.2012 19:12
0 0

Deshalb sehen und schmecken die Pizzen in Wien

auch kroatisch und türkisch,deshalb nur mehr in Italien-Urlaub Pizza essen,da aber die Echte;o)

Gast: Beatrice Alighieri
25.07.2012 10:28
1 0

Viele Italiener fliehen heute vor der italienischen Arbeitslosigkeit

Der Artikel ist - bestenfalls - anekdotisch.

Ausgelassen wird, dass es in Italien eine Tradition der Auswanderung gibt, die erst in den 60ger Jahren des vorigen Jahrhunderts (il boom economico) zum Erliegen kam.

Da die Arbeitslosigkeit in Italien ein bedenkliches Ausmaß erreicht hat, wandern die Italiener wieder aus. Jetzt gibt es sogar italienische Juristen und Mediziner in Österreich.

Unerwähnt bleibt auch die starke kulturelle Verankerung und der italienische Nationalstolz der Auswanderer. In der Regel sind sich Italiener (verglichen mit Deutschen oder Österreichern) sehr der großen Leistungen ihrer Kultur bewusst, fühlen sich in diese Tradition eingebunden und verbleiben auch im Ausland in ihrer Tradition.

Sie sind zwar - wie im Artikel erwähnt - offen für Beziehungen mit den locals, aber von einem Zugehen auf die lokale Kultur und Sprache weit entfernt, weil sie oftmals ihre eigene Kultur für die überlegene halten. In tiefer gehenden Gesprächen mit in Wien lebenden Italienern werden in diesem Zusammenhang zuerst die italienische Küchenkultur und der familiäre Zusammenhalt genannt. Dabei wird ausgeblendet, dass die Institution "Familie" auch in Italien ordentlich am Krachen ist. Die italienische Küche ist selbstverständlich eine der besten der Welt.

Schließlich hat der Autor des Artikels verabsäumt, mit dem Pfarrer der italienischen katholischen Gemeinde in der Minoritenkirche zu reden. Jeden Sonntag gibt's dort eine italienische Messe für die Wiener Italiener.

Gast: Paolo Manganiello
25.07.2012 10:20
0 0

Ein paar Ungenauigkeiten...

Da ich im Artikel erwähnt werde (wurde von der Journalistin zufällig interviewt), möchte ich ein paar Ungenauigkeiten bezüglich die Stellen wo ich vorkomme präzisieren:

1) Ich bin nicht seit 26 Jahre verheiratet. Das war Aldo - wir wurden beide interviewt - er kommt aber im Artikel leider nicht vor.

2) Der Satz von der "mangelnden italienischen Handwerker" klingt auch ziemlich übertrieben. Was gemeint damit war, dass heutzutage die Emigration von Italien nach Österreich anderen Berufsgruppen betrifft, und deswegen keine italienisch sprechenden Handwerker in Wien zu finden sind.

Ansontens vielen Dank an die Autorin für den Artikel, leider ist die "italienischen Gemeinschaft" in Wien nur wenig in die Öffentlichkeit präsent (ausgenommen Restaurants und Geschäfte), und ein bisschen "Werbung" ist immer Willkommen.

Mfg,
Paolo Manganiello
http://www.quivienna.com

Katzelmacher...

... stammt vom italienischen cazza „Kelle“, das in deutsche (Tiroler und Oberkärntner) Mundarten als Gatze(n), Gatzl „Schöpfkelle, -löffel“ entlehnt wurde; diese Gegenstände sind u.a. von aus "Welschtirol" bzw. Italien kommenden Hausierern vertrieben worden. Mit "Kessel(macher)" hat das Wort nichts zu tun.

2 0

das wichstigste hat die aber nicht erwähnt: italiener sind klug und erfinderisch. machen aus der not eine tugend. sind sehr flexibel und nehmen alles halb so ernst. solange es eine hausgemachte pasta von der mama auf dem tisch liegt, dann ist die welt auch in ordnung!!!


Antworten Gast: sepp O.
25.07.2012 09:34
0 0

Re: das wichstigste hat die aber nicht erwähnt: italiener sind klug und erfinderisch. machen aus der not eine tugend. sind sehr flexibel und nehmen alles halb so ernst. solange es eine hausgemachte pasta von der mama auf dem tisch liegt, dann ist die welt auch in ordnung!!!

...solange es eine hausgemachte pasta von der mama auf dem tisch liegt, dann ist die welt auch in ordnung!!!

DAS Klischee tut echt weh.