Wien. Es ist formal verboten, kommt dennoch immer wieder vor: Selbst bestqualifizierte Bewerber werden regelmäßig für ausgeschriebene Arbeitsplätze abgelehnt, weil Herkunft, Alter oder Geschlecht nicht ins Bild des Personalchefs passen. Nachzuweisen ist diese Art der Diskriminierung jedoch nur selten.
Ein Pilotprojekt von Frauenministerium, den Konzernen Rewe und Novomatic sowie dem Verein „Wirtschaft und Integration“ soll das Problem lösen. Die Projektpartner machen die anonymisierte Bewerbung mit standardisiertem Fragebogen möglich. Das bedeutet, dass für die Vorauswahl zum Bewerbungsgespräch ausschließlich nach objektiven Kriterien entschieden wird. Herkunft, Alter und Geschlecht bleiben dem Unternehmen bis zum ersten persönlichen Gespräch unbekannt.
Die Idee der anonymisierten Bewerbungen basiert auf einem Projekt in Deutschland. Die Initiative, es auch in Österreich umzusetzen, kam von SOS Mitmensch. Arbeiterkammer und Arbeitsmarktservice stehen der Initiative positiv gegenüber. Ingrid Moritz, Abteilung Frauen & Familie der AK Wien, findet, dass das Projekt sensibilisieren könne, welche Faktoren auf dem Arbeitsmarkt neben der Qualifikation noch eine Rolle spielen. Beatrix Sprenger vom AMS bezeichnet das Projekt als „hervorragend“. Es sei sowohl für Bewerber als auch für Unternehmen eine Chance, bestgeeignete Kandidaten nur nach Qualifikation eingestellt würden.
Kammer gegen Verpflichtung
Aber: „Unternehmen, die das freiwillig machen wollen, können es machen. Wir wollen es auf keinen Fall verpflichtend“, meint Rolf Gleißner, Referent der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich. Er erachtet zwei Aspekte als problematisch. Erstens komme es einer Art Zensur gleich, wenn Bewerber zu ihrer Identität stünden und Informationen, wie Herkunft und Geschlecht, streichen müssten. Zweitens seien anonymisierte Bewerbungen ein Mehraufwand für Unternehmen, da mehr Bewerbungsgespräche geführt werden müssten.
Ester Maria Kürmayr von Schwarze Frauen Österreich betrachtet das Projekt mit gemischten Gefühlen. „Die Absicht ist löblich, aber erst die Praxis wird zeigen, was sie bewirkt.“ Die Aktion an sich sei gut, weil sie Bewusstsein schaffe. Kürmayr gibt allerdings zu bedenken, dass damit Diskriminierung nicht zwangsläufig verhindert werde, und vergleicht die Situation mit der Wohnungssuche. „Wenn dann eine Person mit Migrationshintergrund vor dem Vermieter steht, heißt es, die Wohnung ist besetzt. Auch, wenn vorher am Telefon versichert wurde, dass sie frei ist.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)
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